krautflash — texte von marcus speh

eine erfrischende quelle von krautflash, mikro-fiktionen mit bildchen. meistens übersetzungen aus dem englischen original, gelegentlich auch deutsch first. kurz ist nicht besser aber schneller.

Taras Zuneigung für Tim war beeinträchtigt von Tims Liebe zu Tom. Beide Jungen waren hübsch und hatten sandfarbenes Haar. In den Fotos der dreien war sie immerzu zwischen sie eingeschoben wie eine Scheibe Schinken zwischen zwei weichen Weißbrothälften. Sie sah Tim und Tom als schlaff-schöne, geschmeidige Gesellschafter—ob es wirklich Liebe war, wusste sie nicht. Sie hätte lieber zwei würzige Männer an der Seite gehabt, Männer mit Kanten, an denen sie sich hätte reiben können. Tara spürte, dass schon ein Esslöffel an Mannbarkeit sie für lange Zeit gesättigt hätte. Vermutend, dass eine Zweierbeziehung viel weniger ermüdend gewesen wäre, erschöpfte sie ihre Phantasie, um die Triade zu festigen.

Eines Tages schrieb sie ein Klavierstück für drei Hände und nannte es “Tyrannei für Drei”. Es war in einem neuen Schlüssel geschrieben: der T-Schlüssel war weder Moll noch Dur, weder traurig noch lustig. Tim und Tom nickten und ihre Köpfe, über denen Haarwellen schwappten, wippten zustimmend hin und her. Drei Spieler wurden benötigt, um das Musikstück auf einem Flügel zu spielen. Es war Hochsommer und es gab sonst kaum etwas zu tun; Sex war verboten und Geld zum Verreisen hatten sie nicht. Tim, Tom und Tara übten bis ihre Finger bluteten; sie übten bis jeder von ihnen eine so schwere Sehnenscheidenentzündung hatte, dass der diensthabende Arzt im Krankenhaus Fotos für eine neue Ausgabe des medizinischen Lehrbuchs “Künstlerkrankheiten” machte, in denen sie identisch bandagiert waren.

Aber es war Tara’s letzter Versuch selbdritt: als ihr Verband herunterkam, verbrannte sie “Tyrannei für Drei”, rief den Arzt an, der mit ihr hatte ausgehen wollen, und überließ Tim und Tom ihrer Verzückung.

#77. Photo: Jennifer Tomaloff, Ihr Buch “Bending Light Into Verse—In Those Days We” erscheint mit zwei Geschichten von Marcus Speh voraussichtlich im März 2012.

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Tim Weißkohls Zirkus bot die großartigsten Attraktionen aus aller Welt: er zeige die siebenfingrige Rosa, die übrigens “schön wie eine Asiatische Prinzessin” war, obzwar sie aus einem Dorf an der Adria stammte; er zeigte Frantik, den Andorranischen Zwerg, der auf seiner eigenen Zunge balancieren konnte; er zeigte den sprechenden Elefanten, der seine Stimme in einem Babylonischen Feuer verloren hatte, der aber mit seinem Rüssel in den Sand schrieb: “Ich bin so allein.” Tim hatte sogar einen unermesslich kostbaren Ring von der Hand des Herrn Jesus Christus selbst, der durch jeden, der ihn getragen, Wunder bewirkt hatte. Rosa, das vielfingrige Mädchen, trug dieses Kleinod während der Vorstellung: “Ich könnte ebenso als Ring-Modell auftreten,” sagte sie zu einem, der sich wunderte, warum sie im Zirkus auftrat. In der Tat hätte sie viele Karrieren haben können aber sie liebte es, mit Tim Weißkohl und seiner wilden Truppe von Freaks und Genies zu reisen. Obwohl sie erst achtzehn war, hatte sie bereits ein Kind mit einem Prinzen gehabt, der zwei Finger jeder Hand auf dem Schlachtfeld gelassen hatte: der Prinz wollte einen gesunden Erben und erhielt von Rosa, die der genetischen Arithmetik mächtig war, einen Jungen mit genau zehn Fingern. Trotz ihrer Jugend hatte sie bereits die gesamte Welt zweimal gesehen, einschließlich “der Gegend jenseits der Karpaten, den Ruinen Karthagos und den sagenhaften Meerjungfrauen von Sevilla,” sagte sie. “Kein Wasser,” schrieb der Elefant in den Sand und meinte Sevilla, aber Rosa lachte nur das kehliges Lachen, welches sie unter Zigeunern gelernt hatte, und rief, jemand solle dem armen Tier etwas zu trinken bringen.

#75. Engl. Original veröffentlicht in Mad Hatters Review als “Mummenschanz”.

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Tim Weißkohls Zirkus bot die großartigsten Attraktionen aus aller Welt: er zeige die siebenfingrige Rosa, die übrigens “schön wie eine Asiatische Prinzessin” war, obzwar sie aus einem Dorf an der Adria stammte; er zeigte Frantik, den Andorranischen Zwerg, der auf seiner eigenen Zunge balancieren konnte; er zeigte den sprechenden Elefanten, der seine Stimme in einem Babylonischen Feuer verloren hatte, der aber mit seinem Rüssel in den Sand schrieb: “Ich bin so allein.” Tim hatte sogar einen unermesslich kostbaren Ring von der Hand des Herrn Jesus Christus selbst, der durch jeden, der ihn getragen, Wunder bewirkt hatte. Rosa, das vielfingrige Mädchen, trug dieses Kleinod während der Vorstellung: “Ich könnte ebenso als Ring-Modell auftreten,” sagte sie zu einem, der sich wunderte, warum sie im Zirkus auftrat. In der Tat hätte sie viele Karrieren haben können aber sie liebte es, mit Tim Weißkohl und seiner wilden Truppe von Freaks und Genies zu reisen. Obwohl sie erst achtzehn war, hatte sie bereits ein Kind mit einem Prinzen gehabt, der zwei Finger jeder Hand auf dem Schlachtfeld gelassen hatte: der Prinz wollte einen gesunden Erben und erhielt von Rosa, die der genetischen Arithmetik mächtig war, einen Jungen mit genau zehn Fingern. Trotz ihrer Jugend hatte sie bereits die gesamte Welt zweimal gesehen, einschließlich “der Gegend jenseits der Karpaten, den Ruinen Karthagos und den sagenhaften Meerjungfrauen von Sevilla,” sagte sie. “Kein Wasser,” schrieb der Elefant in den Sand und meinte Sevilla, aber Rosa lachte nur das kehliges Lachen, welches sie unter Zigeunern gelernt hatte, und rief, jemand solle dem armen Tier etwas zu trinken bringen.
#75. Engl. Original veröffentlicht in Mad Hatters Review als “Mummenschanz”.

1999. ich merke, dass ich wie erwartet nicht mehr altere. ein ganzes jahr lang lese und schreibe ich nichts, bis ich des alphabets entwöhnt bin. ich lerne statt dessen zuzuhören und meinen geist zu beruhigen, bis ich an einem wintertag das fenster öffne und die klage der schneeflocken vernehme, die langsam durch die stadt ziehen. wenn ich mich hinsetze, um ihr geheimnis niederzuschreiben, verschwindet die tinte und der bildschirm bleibt dunkel. ich verstehe es jetzt: einige dinge dürfen von niemandem erzählt werden. ich nehme mir vor, unbeschwert ins nächste jahrtausend zu reisen.

2000. kann die sonne kaum mehr aushalten. meine augen verändern sich. ich nehme einen job als empfangschef an: die ganze nacht strömen junge leute in das hostel hinein und wieder heraus. keiner weiß, von woher ich komme, wenn es dunkelt, oder wohin ich verschwinde, wenn es dämmert. um mich der wirklichkeit zu versichern, klaue ich bleistifte. trotzdem weiß ich oft nicht, warum es mich gibt. das ist die schwerste aller übungen: anzuerkennen, dass es vielleicht gar keinen grund für mich gibt. ich schreibe 365 gedichte in jenem jahr und jedes einzelne von ihnen beginnt mit dem wörtchen ’jetzt’. meine verse erlöschen täglich wie fruchtfliegen.

(Text aus: Cahiers du Cinéma; Photo: bbook)

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1999. ich merke, dass ich wie erwartet nicht mehr altere. ein ganzes jahr lang lese und schreibe ich nichts, bis ich des alphabets entwöhnt bin. ich lerne statt dessen zuzuhören und meinen geist zu beruhigen, bis ich an einem wintertag das fenster öffne und die klage der schneeflocken vernehme, die langsam durch die stadt ziehen. wenn ich mich hinsetze, um ihr geheimnis niederzuschreiben, verschwindet die tinte und der bildschirm bleibt dunkel. ich verstehe es jetzt: einige dinge dürfen von niemandem erzählt werden. ich nehme mir vor, unbeschwert ins nächste jahrtausend zu reisen.
2000. kann die sonne kaum mehr aushalten. meine augen verändern sich. ich nehme einen job als empfangschef an: die ganze nacht strömen junge leute in das hostel hinein und wieder heraus. keiner weiß, von woher ich komme, wenn es dunkelt, oder wohin ich verschwinde, wenn es dämmert. um mich der wirklichkeit zu versichern, klaue ich bleistifte. trotzdem weiß ich oft nicht, warum es mich gibt. das ist die schwerste aller übungen: anzuerkennen, dass es vielleicht gar keinen grund für mich gibt. ich schreibe 365 gedichte in jenem jahr und jedes einzelne von ihnen beginnt mit dem wörtchen ’jetzt’. meine verse erlöschen täglich wie fruchtfliegen.
(Text aus: Cahiers du Cinéma; Photo: bbook)