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<rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" version="2.0"><channel><atom:link rel="hub" href="http://tumblr.superfeedr.com/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"/><description>eine erfrischende quelle von krautflash, mikro-fiktionen mit bildchen. meistens übersetzungen aus dem englischen original, gelegentlich auch deutsch first. kurz ist nicht besser aber schneller.


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} catch(err) {}</description><title>krautflash — texte von marcus speh</title><generator>Tumblr (3.0; @krautflash)</generator><link>http://krautflash.tumblr.com/</link><item><title>Sprache im Winterschlaf</title><description>&lt;p&gt;&lt;span&gt;Es ist durchaus typisch für mich, während der Komposition meiner Texte zwischen Deutsch und Englisch hin und her zu wechseln. Genauer gesagt ist dies nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Empfindung: Ich bin seit mehr als zehn Jahren hin und her gerissen, welche Sprache sich besser als Werkzeug eignet. Ich habe noch keine abschüssiges Urteil gefällt. Beide Sprachen sind mir gleich zugänglich, wenn ich auch zugeben muss dass mir das Deutsche als Muttersprache vermutlich vertrauter ist. Ich sage deshalb ‘vermutlich’, weil die Vertrautheit mit der Muttersprache eine andere Art von Vertrautheit ist als mit anderen Sprachen: sie zeichnet sich aus durch eine machtvolle Nähe zum Wort und zum Tonfall und zu den Assoziationen, die zu nahe gehen kann. Wie kann man dem Gegenstand und dem zu formenden Material zu nahe stehen? Es ist vielleicht wie beim Tanz: bestimmte Figuren müssen erfunden, erprobt, wiederholt und verbessert werden. Hierfür ist es nötig, immer wieder zurückzutreten. Und genau dieses Zurücktreten ist in der Muttersprache (wenigstens für mich) schwerer als im Englischen. Dass ich überhaupt in eine solche Zwangslage geraten bin, ist natürlich ein Privileg und ein Luxus, dessen ich mir auch durchaus bewusst bin. Unbekannt ist mir, ob andere sich in ähnlicher Lage befanden, obgleich sie auf einer anderen Ebene der Meisterschaft leben; ich spreche von Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Samuel Beckett usw. Hinzu kommen vermutlich eine große Zahl von Schriftstellern, die aus ehemaligen Kolonien stammen: V.S. Naipaul, Derek Walcott und andere, deren Werke und Schicksale mir aber viel weniger vertraut sind als die westlicher Schriftsteller. Von den möglichen Schwierigkeiten dieser Menschen, sich zwischen der einen oder anderen Sprache zu entscheiden ist mir leider nichts bekannt. Über die Vorteile der englischen Sprache habe ich mich &lt;/span&gt;&lt;a href="http://flash-frontier.com/2012/05/18/interview-with-marcus-speh/" target="_blank"&gt;an anderer Stelle&lt;/a&gt;&lt;span&gt; ausführlicher geäußert. Mein Standpunkt hier war immer, dass mir die Fremdsprache größere spielerische Verfügbarkeit ermöglicht. Einige vorläufige Gedanken hierzu: die Herausforderung der deutschen Sprache als Medium des Schreibens der Schriftstellerei besteht auf verschiedenen Ebenen. Das Problem ist ein technisches: diese Ebene ist für alle Sprachen gleich. Die Größe der Herausforderung ist für jeden Muttersprachler ebenfalls gleich, wie allerdings man sich ihr nähern kann und welche Preise es zu gewinnen gibt für den Fall eines Sieges, das ist für jede Sprache anders. Warum? Weil jede Sprache eine andere Form und Größe von Literatur hervorgebracht hat.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine" target="_blank"&gt; &lt;img alt="image" src="http://media.tumblr.com/60ac9be1ddbbea936f3fc73cdaa25035/tumblr_inline_mjtl06YYPA1qbwa5g.jpg"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Größe der deutschen Literatur besteht in der fast rührend anmutenden Hoffnung, dass diese Sprache zu etwas anderem geeignet sei als zur Erstellung undurchsichtiger philosophischer Traktate und zum Schreiben romantischer Gedichte (Ausnahmen der Vergangenheit, wie Heine, oder der jüngeren Gegenwart, wie Enzensberger, bestätigen die Regel). Sprachwitz, wie Ihnen das Französische kennt oder Ironie wie das Englische besitzt, ist dem Deutschen und seinem Idiom fremd und findet sich in unserer Literatur kaum, oder irre ich mich? (Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, wie beispielsweise Kurt Tucholsky, Christian Morgenstern oder wieder Heinrich Heine, der verstossene Ahne der lehrte, die Sprache als Waffe im ästhetisch-politischen Kampf zu gebrauchen). Wenn der Deutsche nicht gerade träumt, läuft er Gefahr für andere unerträglich zu werden. Wenn die technische Herausforderung der Sprache an die vorhandene Literatur gekoppelt ist, weil jeder der schreibt, so auch ich, sich über die Marschen des bereits Geschriebenen auf den Horizont des Ungeschriebenen zubewegt wie eine richtungsverwirrte Krabbe, dann ist sie auch an die historische Ebene gekoppelt. Auf dieser Ebene trifft sich der deutsche Geist mit dem deutschen Ungeist, der so viel bemerkenswert Furchtbares hervorgebracht hat, dass seit nunmehr fast 100 Jahren die Welt eigentlich nichts anderes mehr von den Deutschen erwartet. &lt;span&gt;Ich zähle den deutschen Genius, der sich in der Konstruktion und Herstellung von Automobilen und im Organisationswesen ausdrückt, hier bewusst nicht, weil er literarisch von untergeordneter Bedeutung ist. Ja, er schadet  der Literatur sogar, denn er ist nicht nur nicht auf Experimentierfreudigkeit bedacht, sondern er bekämpft sie überall.&lt;/span&gt; (Caveat lector: Nichts gegen die Innovationskraft und -freude windhundflinker deutscher Ingenieure, aber ihre Stärke ist nicht von derselben Beschaffenheit wie die des Künstlers, sie ist aus Stahl gefertigt und entspringt dem Siegfried, nicht dem singenden Orpheus oder der armlosen Milo, die sich des gemütskranken Dichters erbarmte…)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;[See also: &lt;a href="http://marcusspeh.com/2013/03/06/linguistic-cross-dressing/" target="_blank"&gt;Linguistic Cross-dressing&lt;/a&gt;, English version, written after this text, with a different emphasis, namely the crossing between English and German as a writing language.] [Photo: der deutsche Dichter im französischen Exil, Heinrich Heine, in seiner “Matratzengruft”]&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/45609372280</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/45609372280</guid><pubDate>Sun, 17 Mar 2013 20:46:00 +0100</pubDate><category>lit</category><category>literatur</category><category>essay</category><category>deutsch</category><category>english</category><category>language</category><category>Heine</category><category>Nabokov</category><category>Conrad</category></item><item><title>Die Stunde des Jägers</title><description>&lt;p&gt;Im Lichtschein brüllen&lt;br/&gt;die Affen. Kleine funkelnde &lt;br/&gt;Lampen dienen als&lt;br/&gt;Unterhaltung für Tannenbäume.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bücher beschweren sich&lt;br/&gt;dass wir Dinge wählen statt Menschen: &lt;br/&gt;spiralförmige Bambuspflanzen&lt;br/&gt;ölgetriebene mechanische Spielzeuge&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;das große schwarze Loch des &lt;br/&gt;hohlwangigen Breitbildschirms.&lt;br/&gt;Der Hintern des ruderlosen&lt;br/&gt;Dichters platt gedrückt auf&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;dem blauen IKEA Kissen. Er&lt;br/&gt;sucht verlorene Zeitkapseln.&lt;br/&gt;Auf der anderen Straßenseite &lt;br/&gt;gähnt Fensterschlucht. Irgendwo &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wird Wagner gespielt. &lt;br/&gt;Dies ist die Stunde des Jägers &lt;br/&gt;aber ich mach mich bereit &lt;br/&gt;zum Weggang auf weichen Sohlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meine zwei größten Sünden:&lt;br/&gt;Verdauung und Atemnot.&lt;br/&gt;Auszeit für meine Schutzengel &lt;br/&gt;Mangel an Lebensgefahr: jetzt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;vertrau&amp;#8217; ich dem Nahverkehr.&lt;br/&gt;Vom Ende der Kindheit &lt;br/&gt;flüstert das verstaubte Brettspiel:&lt;br/&gt;verwaist ist das Kinderzimmer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Etwas bedrückt mich wie der&lt;br/&gt;Wasserberg der auf dem&lt;br/&gt;Tiefseefisch lastet. Aber&lt;br/&gt;mir fehlen die Seher-Worte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vergebens such&amp;#8217; ich im Plato &lt;br/&gt;nach Modellen der Gegenwart.&lt;br/&gt;Die Zeitungen spritzen Tintengift&lt;br/&gt;Platitüden beherrschen die Politik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf meiner Fahne trag&amp;#8217; ich&lt;br/&gt;die Faust des Erzengels der &lt;br/&gt;den Drachen der Sehnsucht tötet.&lt;br/&gt;Jetzt fehlte ihm die Bedrohung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber es war schon zu spät &lt;br/&gt;die Welt war entschärft:  &lt;br/&gt;aus den Fabriken kam alles  &lt;br/&gt;zellophanverpackt glatt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;elektronisch duftend&lt;br/&gt;farbenreich jugendfrei&lt;br/&gt;alles roch wie Apple&lt;br/&gt;und dahinter steckten&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Millionen winziger Chinesen&lt;br/&gt;gelbe Heinzelmännchen&lt;br/&gt;(obwohl die Chinesen weder &lt;br/&gt;klein sind noch gelb). &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Panzer rollen von der einen zur&lt;br/&gt;anderen Landesgrenze. Dies ist &lt;br/&gt;die Stunde des Jägers&lt;br/&gt;wenn der Dunst aus den Feldern&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;steigt und sich mit dem Abgas &lt;br/&gt;der Städte mischt. In der&lt;br/&gt;Tiefe des Waldes schüttelt&lt;br/&gt;ein Rothirsch sein Haupt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt="image" src="http://media.tumblr.com/995e82b7c23fd8e9fadff2ce1f5f9123/tumblr_inline_mjcgf7CY7r1qz4rgp.jpg"/&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Knabe mit Schleuderpfeil—Jäger im Wald, ca. 1928&amp;#160;&lt;a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AErnst_Ludwig_Kirchner_-_Knabe_mit_Schleuderpfeil_-_J%C3%A4ger_im_Wald_-_ca_1928.jpg" target="_blank"&gt;(Wikimedia&lt;/a&gt;).&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/44857562473</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/44857562473</guid><pubDate>Fri, 08 Mar 2013 14:29:00 +0100</pubDate></item><item><title>King Cat Kincaid hält dich fest. Zeit tropft vom Ast. Kaffee...</title><description>&lt;img src="http://24.media.tumblr.com/5241a6333aa2d0b597affedeeb78be6d/tumblr_mildtrR6zF1qbiqjio1_500.jpg"/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;p&gt;&lt;br/&gt;&lt;span&gt;King Cat Kincaid hält dich fest. Zeit tropft vom Ast. Kaffee schwappt auf dem Rücken des traurigen Elefanten. Von deiner verletzten Hand träufelt Blut in den Mutterozean. Das Jesus T Shirt besänftigt die Christen. Aus deiner Stirn springt die Schlange des Verstehens hervor. King Cat Kincaid will, dass du dir die Igelhaare schneidest, bevor du vor die Menge trittst, die dich als ihren König begrüßen werden. Du bewunderst, dass sie auf Korksohlen in luftiger Höhe das Gleichgewicht und ihre Selbstbeherrschung behält. Du bewunderst ihren Schnurrbart: wie außergewöhnlich sich die steifen, schwarzen Borsten in die ganze Gestalt fügen, so dass ihre Figur sogar an Weiblichkeit gewinnt. Aber hinter der Mauer des Schweigens wartet bereits der Thronräuber. Er steckt seine dicke Nase in deine schmutzige Wäsche. Sein Neid steigt in Schwaden zum Himmel auf und regnet gelblich zur Erde herab.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;[&lt;a href="http://speh.tumblr.com/post/40420343395/king-cat-kincaid-holds-on-to-you-time-trickles" target="_blank"&gt;Engl. Übersetzung&lt;/a&gt;]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/43673813425</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/43673813425</guid><pubDate>Thu, 21 Feb 2013 23:44:15 +0100</pubDate></item><item><title>Winter '43</title><description>&lt;p&gt;&lt;span class="s1"&gt;Ich beschreibe einfach mal, was alles so um mich herum steht, und mich dadurch beschäftigt, dass es Teil meines Raumes ist, die physische Erweiterung meines Gedankenraumes, auch ein Ort des Rückzugs: eine Schatzkarte auf Blütenpapier; die Zeichnung einer langen, dünnen Frau; eine blasse Statue der Uta von Naumburg; ein winziges rotes Feuerschiff in der Flasche; ein handgemachtes Büchlein, darin eine Geschichte von mir, mit dem Konterfei von Salman Rushdie auf dem Titelblatt; ein bunt gestrickter &lt;span class="s2"&gt;Hacky-Sack&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;span class="s3"&gt;, den ich im Workshop verwende; eine vergilbte Fotografie, die meinen Vater als ca. 9-jährigen mit seinem 3-jährigen Bruder zeigt: Sie sitzen lachend neben einer riesigen Modelleisenbahn, die mein Großvater gebaut hatte; ein schmaler Schreibtisch aus Kauri-Holz, aus Neuseeland mitgebracht; ein vorübergehend erblindetes Mobiltelefon; ein Schränkchen, das so voller alter, ungebrauchter Kabel und anderer Elektronika steckt, dass ich es jahrelang nicht zu öffnen wagte; weiße Doppelfenster; eine weiß gestrichene Lampe im Retro-Look, die nicht von der Vergangenheit überzeugt ist; eine Geburtstagskarte, von meiner Frau gestaltet: sichtbar ist ein Gorilla, erstarrt in einer Geste der Dominanz, und auf ewig in die Fläche gesperrt. Vergessen habe ich noch ein Comic, einen Cartoon in 15 Bildern, den meine Tochter vor einer Reise für mich gezeichnet hat: in diesem Cartoon Ist die Zeit um 13:53 Uhr stehen geblieben, und von Liebe ist viel die Rede, von Liebesschwüren gar, und alle Protagonisten und Antagonisten sind durch Smileys dargestellt. Hinter mir lauern die Bücher. Vor mir schwanken die Bäume entlang der Straße. Über mir bäumt sich der Himmel unter den Schlägen der Sonnenpeitsche. Ein anderer würde, im selben IKEA-Stuhl sitzend, ganz andere Schlussfolgerungen ziehen, möglicherweise keine literarischen, sondern persönliche, oder magische, oder einfach nur sachliche. Gründe für diese Zusammenstellung von Dingen gibt es so viele, dass sie gar nicht zählen. Und wenn ich die Augen schließe, bin ich doch immer wieder am selben Ort.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span class="s3"&gt;&lt;a href="http://marcusspeh.blogspot.de/2012/07/dreizehnuhrdreiundfunfzig.html" target="_blank"&gt;&lt;img alt="image" src="http://1.bp.blogspot.com/-_YMf47Mttuk/T_nGg_p1C6I/AAAAAAAACVE/7h8Up1Lx8t8/s640/papa+martin+eisenbahn.JPG" width="500"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;[Via &lt;a href="http://marcusspeh.blogspot.de/2012/07/dreizehnuhrdreiundfunfzig.html" target="_blank"&gt;marcusspeh.de&lt;/a&gt;—07/2012]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/41027700664</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/41027700664</guid><pubDate>Sun, 20 Jan 2013 19:38:20 +0100</pubDate></item><item><title>«Immer wenn ich mir vornehme, die wütenden, politischen Gedichte...</title><description>&lt;img src="http://25.media.tumblr.com/91b2b47d9130f4eb96b0e789eac34dbd/tumblr_mfwmgqbm1g1qbiqjio1_500.jpg"/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;p&gt;&lt;span&gt;«Immer wenn ich mir vornehme, die wütenden, politischen Gedichte meines Vaters zu überarbeiten und zu veröffentlichen, überwältigt mich die Vielzahl von Bildern, die meine Erinnerung an seinen grauen, über die Schreibmaschine gebeugten Kopf begleiten, an sein Aufschauen wie ein Blinder, der das Innere einer ungeschauten oder vielleicht einer verlorenen Welt abtastet, in das Unbekannte vordringend wie Professor Challenger, niemals überrascht von dem was er findet und immer bereit, großzügig seine Schätze mit denen, die hören mögen, zu teilen. Er richtet sich auf, fuchtelt mit einem Stück Papier, sagt „Perlen vor die Säue“ in den Raum hinein, greift nach seiner verlesenen Ausgabe von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, kratzt sich, was ein merkwürdiges Geräusch verursacht weil er trotz seiner 70 Jahre enge Lederhosen trägt, und plumpst auf das Sofa. Er zieht sich das Buch über die Augen und beginnt zu schnarchen. Später wird er aufwachen, sich an den Takt erinnern, in denen seine Nasenflügel während seines Schläfchens flatterten, und dann wird er Stunden damit zubringen, diesen Rhythmus auf seinen Text zu übertragen, während er selbst wie ein Buch zu den Füßen einer der großen Buchsammlungen der Stadt zusammengeklappt liegt, wie eine in ein Buch verwandelte Fledermaus, wie der letzte Buchstabe einer Geheimsprache, die sich selber auswendig lernen muss, und so geht es in meinem Kopf immer weiter bis ein Freund mich vor meinen Reminiszenzen rettet und mich auf ein Bier in die Stadt mitnimmt.»&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;hr&gt;&lt;div class="p1"&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Anlass für diesen Text war meine Lektüre der fiktiven Biografie der letzten Tage des Schriftstellers H.G. Wells in “A Man Of Parts” von David Lodge.  Nachdem ich das Buch weit gehend durchgepflügt hatte (bin immer noch nicht ganz zu Ende gekommen), griff ich zu meinem iPad-Stift und malte das Bild über eine Fotografie, die in Wells eigenem Buch “Experiment in Autobiography” von 1934 erschiene war. Das Bild ist jetzt mein permanenter Desktop-Hintergrund. Die zwei verschiedenen Augen im Bild verwickeln mich in meinen eigenen Traum während ich immer weiter diktiere…&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div class="p2"&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href="http://marcusspeh.com/2012/12/31/the-last-letter/" target="_blank"&gt;[Englisches Original mit Audio-Aufnahme als mp3]&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/39312698448</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/39312698448</guid><pubDate>Mon, 31 Dec 2012 17:43:00 +0100</pubDate></item><item><title>Eine Weihnachtsgeschichte</title><description>&lt;p&gt;Der kleine Herr Häwelmann ist jetzt ein richtiger Mann, aber klein ist er doch immer noch. Das hat er mit anderen literarischen Figuren gemein. Nicht, dass er klein ist, sondern dass er erwachsen wurde. Ishmael zum Beispiel: der hat jetzt einen Bauch der ist so groß und rund, dass darin ein kleiner Walfisch Platz hätte. Oder nimm den alten Werther. Der hat sich damals natürlich nicht wirklich umgebracht. Genau wie Goethe machte er seine Erfahrungen, und dann ging es weiter, Hotte-hüh Hotte-hüh im Galopp über die Schlachtfelder der Männlichkeit hinweg, durch die Leiber der Frauen, immer auf der Suche nach einer, die ihn Lotte vergessen lassen würde. Endlos, schier endlos ist der See, der mit den Namen und Schicksalen fiktiver Helden angefüllt ist wie mit Wassertropfen. An seinen Ufern weiden die Dichter wie Kühe. Hinter den Dichtern stehen die Verleger und warten darauf, ihre eitrigen Finger um die Euter legen und die Milch der frommen Schöpferkraft melken zu können. Das ist nicht der See der toten Dichter, sondern der See der toten Figuren in den Geschichten der Dichter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zurück zum Herrn Häwelmann. Klein ist er immer noch, aber ein richtiger Mann ist er geworden. Immer noch beherrscht er die Fähigkeit, auf einem Mondstrahl aus seinem Leben heraus zu fahren. Tut er es, dann bleibt an der Seite seiner Ehefrau, der getreuen Karlotta, ein leerer Platz. Nur die Kissen, Decken und die Matratze behalten noch die ungefähren Umrisse, das plumpe Abbild des Häwelmann. Heute reitet er auf einem ganz besonderen Mondstrahl: Hexen haben ihn gewoben aus den Flechten ihrer rotfarbenen Haare. Deshalb glüht er feurig in der Luft und der Häwelmann reitet ihn wie er es seit Kindertagen gewohnt ist. Hotte-hüh Hotte-hüh, ruft er und schwingt eine unsichtbare Peitsche. Durch alle Himmel hindurch, quer über den Erdenrund tobt er auf seiner Tangente. &lt;/span&gt;&lt;span&gt;Einmal fällt ein Mann im Raumanzug an ihm vorbei. Das weiß der Häwelmann nicht, dass da einer den Weltrekord im freien Fall zu brechen versucht. So hat jeder seinen Kindertraum, aber der kleine Häwelmann liebt seinen, liebt ihn fast jede Nacht.&lt;/span&gt; [&amp;#8230;]&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;[&lt;em&gt;&lt;a href="http://marcusspeh.blogspot.de/2012/12/herr-hawelmann.html" target="_blank"&gt;Weiterlesen&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;]&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt="image" src="http://4.bp.blogspot.com/-8oEkI02wjTg/UIRrd98fgkI/AAAAAAAAC7g/TVkv53pWJP4/s320/Else+Wenz-Vietor+ha%CC%88welmann+1.JPG" width="250"/&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;Bild: Illustration von &lt;em&gt;&lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Else_Wenz-Vi%C3%ABtor" target="_blank"&gt;Else Wenz-Viëtor&lt;/a&gt; für &amp;#8220;&lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4welmann" target="_blank"&gt;Der kleine Häwelmann&lt;/a&gt;&amp;#8221; von Theodor Storm. Veröffentlicht auf Deutsch/Englisch (Übers. &lt;a href="http://birkenkrahetranslations.wordpress.com" target="_blank"&gt;Carlye Birkenkrahe&lt;/a&gt;) im &lt;a href="http://www.metazen.ca/?p=11677" target="_blank"&gt;Metazen Christmas Ebook III&lt;/a&gt;.&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/38220586014</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/38220586014</guid><pubDate>Tue, 18 Dec 2012 12:45:00 +0100</pubDate></item><item><title>Die Fantasie der Materie</title><description>&lt;p&gt;Alle Kunst ist Wettbewerb: zunächst der Wettbewerb der Künstlerin mit dem inneren Bild ihrer Kunst. Sie hat sich das eine vorgestellt und doch das andere geschaffen. Das Letztere muss jetzt in das Erstere überführt werden. Das ist ein Wettkampf, den sie nicht gewinnen kann, denn er wird gegen den unendlich schnellen, unsichtbaren Gegner der Fantasie ausgetragen. Und dennoch handelt es sich um einen süßen Wettstreit, die ursprüngliche Quelle des menschlichen Bedürfnisses, etwas Schönes zu schaffen. &lt;/p&gt;
&lt;div class="p2"&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;Wenn das fertige Kunstwerk sich seinen Betrachtern stellt, liegt wieder Rivalität in der Luft. Auch die Betrachter haben sich zwangsläufig Gedanken gemacht. Diese Gedanken entsprangen vielleicht nur ihren Fantasien über die Künstlerin und ihrer Auffassung von der Mächtigkeit des Künstlers oder der Mächtigkeit des Mediums. Vielleicht haben diese Betrachter auch bereits eine Reproduktion des Kunstwerks gesehen: dann ringen sie mit der eigenen Erinnerung. &lt;/div&gt;
&lt;div class="p2"&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;Das ist wie im Louvre, wenn wir uns durch die Massen an Touristen mit ihren klickenden Apparaten gekämpft haben und endlich vor der Mona Lisa, diesem meistdiskutiertesten Gemälde der Welt stehen. Da sehen wir zunächst mal überhaupt nichts, weil unsere  Vorstellungskraft von so vielen Eindrücken gefüttert war, dass das kleine eher unscheinbare Bild kaum mithalten kann. Aber ebenso wie jedes anderen Bild hat es den unschätzbaren Vorteil der physischen Realität. Das ist der Grund, weil warum der Farbklecks, den man riechen kann, uns immer wird stärker berühren können als das flüchtige Wort. Und hier komme ich aus dem allgemeinen wieder zurück ins Konkrete.&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;Vor einigen Tagen war ich Gast (und Ehemann)  Künstlerin bei der Eröffnung einer &lt;a href="http://www.hwr-berlin.de/nc/aktuelles/termine-und-veranstaltungen/detailseiten/details/event/die-fantasie-der-materie-aEUR-ausstellung-in-der-bibliothek-der-hwr-berlin-936/" target="_blank"&gt;Kunstausstellung&lt;/a&gt; an einem Ort, an dem der Wettstreit des Wortes mit dem Bild, der geschriebenen gegenüber der gebildeten Wahrheit, so recht zum Ausdruck kam. Denn der Ort der Ausstellung war eine Bibliothek. Vom Standpunkt der Bücher, die dort  standen, war es eine Invasion&amp;#8230; &lt;em&gt;[&lt;a href="http://marcusspeh.blogspot.de/2012/10/die-fantasie-der-materie.html" target="_blank"&gt;weiterlesen&lt;/a&gt;]&lt;/em&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;Bild: &lt;small&gt;&amp;#8220;God at his creation&amp;#8221; von &lt;a href="http://carlyebirkenkrahe.tumblr.com/" target="_blank"&gt;Carlye Birkenkrahe&lt;/a&gt; &lt;/small&gt;&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/-faLtbSaHR2o/UI6tmZ7Z0-I/AAAAAAAADBA/d2unJLChLh4/s1600/God+at+his+creation.jpg" target="_blank"&gt;&lt;img border="0" src="http://3.bp.blogspot.com/-faLtbSaHR2o/UI6tmZ7Z0-I/AAAAAAAADBA/d2unJLChLh4/s320/God+at+his+creation.jpg" width="192"/&gt;&lt;/a&gt; &lt;/div&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/34703378123</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/34703378123</guid><pubDate>Wed, 31 Oct 2012 16:15:00 +0100</pubDate></item><item><title>KEWL
Das Mädchen sammelt Lebewesen von der Straße auf, die...</title><description>&lt;img src="http://25.media.tumblr.com/tumblr_mbr1b9S5s31qbiqjio1_500.jpg"/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;KEWL&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das Mädchen sammelt Lebewesen von der Straße auf, die selbst für eine Abnormitäten-Schau sehr ausgefallen sind: der pinke Elefant, der nicht aufhören kann, von seiner Ehe mit einem Schweizer Kuckuck zu reden, die an der Regelmäßigkeit der Rufe des Federviehs und sexueller Frustration, Vogelschnabel gegen speckigen Säugetierschwanz, gescheitert war; der ungeheuer große, schwefelfarbige Falter, der dem Schlachthaus des Damien Hirst entkommen war und der auf immer deprimiert sein würde, weil er seine Freunde auf einer mit kleinen, aufgespießten Körpern übersäten Wand, einer Installation, die im englischen Guardian “Lepidopter-Landeplatz” genannt wurde, zurücklassen musste; oder die Labradorhündin, ungewöhnlich nur dadurch, dass sie der ursprüngliche Hund aus der Zeile „On the Internet, Nobody Knows You’re A Dog” war. Das Mädchen passt auf sie auf, oder vielleicht passen sie auf das Mädchen auf, klar ist es nicht: die Grenze eines großartigen, fantastischen Gehirns ist wie eine Membran zwischen zwei Welten. Sie schwingt und schwankt in der Brise des Geistes. Die Tiere sind Transponder, die Antwort auf Ihren Bedarf an Reizen. Nachts stiehlt das Mädchen ihre Häute und streift sie über, durchstreift Dschungel und Städte, veralbert die Götter und verdreht uralten Steinskulpturen die Köpfe. „Wir sind jetzt eine Familie,“ sagt sie zu Ihnen. „Kewl,“ sagt der Hund, der mit dem Schwanz wedelt, der den Schmetterling trifft, der auf dem rosaroten Rücken des melancholischen Elefantenbullen landet und niest.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;[&lt;a href="http://marcusspeh.blogspot.de/2012/10/kewl.html" target="_blank"&gt;Das Bild für das dieses Geschichte ursprünglich geschrieben wurde&lt;/a&gt;][&lt;a href="http://marcusspeh.com/2012/06/12/kewl/" target="_blank"&gt;Englische Originalversion&lt;/a&gt;][Photo: Bette Davis als shamrock girl/Kleeblattmädchen]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/33418461165</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/33418461165</guid><pubDate>Fri, 12 Oct 2012 08:54:00 +0200</pubDate></item><item><title>M. — eine Romanze der Selbstsucht</title><description>&lt;p&gt;An manchen Tagen, sagt M., drücke ihm das Alter förmlich die Kehle zu. Dabei lächelt er sein Lächeln aus, wie ich vermute zweiunddreißig künstlichen Zähnen. M. sieht jünger aus als er ist. L., seine Geliebte, sieht nicht jünger aus als sie ist, sie verhält sich nur so, wenn man M. glauben darf: beim Bumsen klettert sie an mir herum, als habe sie jahrzehntelang nichts anderes gemacht, sagt er, dabei sei sie erst zwanzig und er sei ihr erster Mann. Als ich fragend gucke, sagt er: doch, das stimmt schon, abgesehen vom Knutschen und Fingern mit ein paar Boys. Er habe ja Erfahrung für zwei oder drei Lebensalter, schon als Fünfundzwanzigjähriger habe er fünfundzwanzig Frauen gehabt nach seiner Zählung. Es sei natürlich immer eine Frage der Zählung: gerade als junger Mann möchte man eine Frau gleich zählen wenn man nur einmal den Schwanz in ihr drin hatte. Das sei jetzt ganz anders: Jetzt zählten Beziehungen. Ich frage ihn, was für ihn eine Beziehung sei. Ich darf das fragen, auch in dieser intimen Förmlichkeit, die eigentlich mein Markenzeichen als Coach ist: M. ist bei mir, weil sich seine Firma über ihn Sorgen macht. Ich mach mir keine Sorgen um M.: zwei oder drei mal muss ich schon mit ihr gefickt haben, sagt er. Eine Beziehung müsse auf etwas aufbauen können, nämlich auf einer grundlegenden Zufriedenheit der Körper miteinander. Als ich vorsichtig hinterfrage, ob er dem Körperlichen nicht zu viel Bedeutung beimesse, schüttelt er seinen schönen Kopf, wobei ihm die braunen Haupthaarlocken langsam, wie in einem Werbefilm, um die Ohren fliegen: seine Stimme wird rau, obwohl ich sie eher für mehlig halte, wie mir seine ganze Physiognomie eher schlaff und spannungslos vorkommt. Seine dunklen Augen vergrößern sich, er hebt die Rechte wie ein schlechter Schauspieler, der zum Deklamieren anhebt: der Körper ist alles, sagt er deshalb bin ich ja so durch den Wind, wenn das hier, die Rechte wandert rasch andeutungsweise über seine ganze Gestalt, den Bach runter geht, dann kann ich mich begraben. Egal, wie erfolgreich ich bin, dann will mich niemand mehr. M. läuft zu voller Form auf, wenn er von sich selber spricht. Erst wenn es um andere geht, besonders um Frauen, fehlen ihm die Worte. Und obwohl er denkt, dass er sich selber hochhält, sieht er in Wahrheit von so hoch oben auf sich herab, dass er sich gar nicht sehen kann in der Menge der einander verzweifelt umschlingenden, den Verfall fürchtenden Körper. Beim Abschied lege ich ihm wie immer leicht meine Hand auf die Schulter und spüre die Energie, die in ihm pulsiert, und die nur einen Ausweg kennt. Es wird schon, sage ich schwächlich. Am Abend desselben Tages ruft er mich an, es sei ein Notfall: L. habe sich umgebracht. Er verstehe das überhaupt nicht. Wie konnte sie ihm das an tun. Warum sei die junge Generation so selbstsüchtig. Glücklicherweise gebe es eine andere Frau, nur unwesentlich älter, die ihn jetzt trösten könne. Was wollen Sie denn von mir, sage ich. Sie sollen mir sagen, dass es nicht meine Schuld ist, sagt er. Da hänge ich auf. Zu viel ist zu viel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href="http://corwood.tumblr.com/post/8595586226/ruth-van-beek" target="_blank"&gt;&lt;img src="http://25.media.tumblr.com/tumblr_lpijnv6vVm1qznoe2o1_500.jpg" width="300"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/32928979821</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/32928979821</guid><pubDate>Fri, 05 Oct 2012 10:08:00 +0200</pubDate></item><item><title>Im Irrenhaus</title><description>&lt;p&gt;&lt;span&gt;«Ich stelle mir vor: das Bibbern der neu Eingelieferten, wenn sie zum ersten Mal die Geräusche des Irrenhauses wahrnehmen, Geräusche, die ihre ganze Welt bedeuten, so dass wenn sie als Freigänger ein Kind weinen hören oder das Bellen eines Hundes, das reine Läuten eines Glöckchens oder auch nur das Rascheln eines Rocks über einem Frauenbein, sie dort Wahn vermuten und den Tönen absonderliche Bedeutungen unterschieben müssen. Sie können gar nicht anders, denn die Verrückten sind doch nicht so verrückt, dass sie nicht zur Lautmalerei gezwungen wären, bis auf die wenigen Tauben, in deren Phantasien die Töne aber völlig fehlen, das heisst dort wird gesprochen, aber die Beteilligten bewegen die Lippen ohne Laute, Dinge fallen ebenfalls zu Boden, aber still wie Federn oder wie alles auf atmosphärelosen Planeten zu fallen pflegt: stumm. Nur die gehörlosen Idioten können das Klappern der Kaffeetassen und der Kuchenlöffel auf dem Tisch ertragen, wenn Sie von ihren Familien fürs Wochenende abgeholt werden. Sie belächeln das übergeschnappte Brutzeln des Sonntagsbratens im Ofen. Wenn sie überwältigt werden, schließen sie einfach die Augen.» &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;#89. [Englische Version:&lt;a href="http://speh.tumblr.com/post/31737112623/contraption" target="_blank"&gt; &amp;#8220;Contraption&amp;#8221;&lt;/a&gt;, veröffentlicht in &amp;#8220;&lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;a href="http://crossings2012.wordpress.com/2012/07/03/carnival-4-flash-across-borders/" target="_blank" data-bitly-type="bitly_hover_card"&gt;An Aotearoa Affair, Carnival 4: “Flash Across Borders”&lt;/a&gt;][Image: Goya, loco tras las rejas, 1824 (via &lt;a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFrancisco_de_Goya_y_Lucientes_-_A_Lunatic_behind_Bars_-_WGA10170.jpg" target="_blank"&gt;Wikimedia&lt;/a&gt;)]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;img src="http://artistresearcher.files.wordpress.com/2009/12/a_lunatic_behind_bars-1824-28.jpg?w=498&amp;amp;h=649" width="300"/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/31860741782</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/31860741782</guid><pubDate>Wed, 19 Sep 2012 16:43:00 +0200</pubDate></item><item><title>Frühlichkeit</title><description>&lt;p&gt;In diesem Frühjahr schwöre ich allen Zuwendungen in Gestalt schlaffer Lobesworte ab. Lob, das ich bereits erhalten habe, werde ich in harte Währung wechseln. Ich werde mein eigener Pfeil und meine eigene Zielscheibe sein. Ich lass meine innere Prinzessin ackern. Es wird billige Frösche regnen wie vorher noch nie im Märchen.&lt;/p&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;In einem Frühling vor vielen Jahren regnete es plötzlich warmes Wasser. Ich war gerade mit einem Mädchen aus, das mit einem viel älteren Mann lebte. Sie streifte sich die Schuhe ab und ich tat das gleiche. Dann rannten wir durch den Regen auf der Suche nach einem Unterstand. Bald wurde uns klar, dass wir uns gar nicht vor uns selber schützen mussten. Wir warfen uns ins Gras und ich küsste ihr das Wasser vom Hals. Was war das für eine schöne Zeitverschwendung, bei all dem Regen, der an uns herunterlief.&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;Ich möchte mich mit rosa Haarschleifchen trösten obwohl ich nicht mehr viel Haar hab aber ich hab Frauen in meinem Leben so dass mir immer wieder Haare über die Augen falln wenn beispielsweise eine Frau ihren schöngeformten Kopf an meinen legt und dabei ihre Mähne schüttelt so dass ihr Haar meinen Kopf einrahmt als sei es mein eignes und am Ende jedes einzelnen Stranges hängt ein Versprechen denn das sind die Haare Jugendversprechen.&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;Ich werde den genauen Ort in der Mitte meiner Brust finden, von dem der Schmerz und das Leiden ausgehen. Werde ruhig und geduldig mit ihnen sprechen, ohne meinen Atem zu schonen. Werde mit ihnen in der Sprache sprechen, die sie verstehen. Werde vergeben wo Vergebung angemessen ist, aber ich möchte auch die wenigen Namen hervorlocken, an denen Rache klebt wie ein geteerter, grinsender Engel. Dann werde ich meine Vergeltung planen und ich werde die Messer ausgraben, die im Garten meiner Mutter beerdigt sind und sie in die Herzen der Würdigen bohren.&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;Zum ersten Mal werde ich in diesem Lenz jedes einzelne Wort schreiben als wäre es das allererste Wort. Wenn ein Wort sich irgendwie benutzt anfühlt, werde ich abwinken und es in meinen schmiegsamen Geist zurückzwingen als sei das Wort eine Nudel, die aus meinem halboffenen Mund hängt. Wie ein eine zersprungene Saite muss es vom Instrument meiner Kunst entfernt werden, diesem wässrig glänzenden Körper aus Luft und Erde. Vielleicht finde ich mich dann am Ende des Frühlings, am Sommeranfang mit nurmehr drei Wörtern wieder, oder sogar nur mit zweien, oder mit einem, und ich bin gespannt zu sehen welches Wort das sein wird.&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;Im Frühling nehme ich meine Farben und Pinsel in die Kirche mit, um die dunklen Gänge und Säulen, die Türme und Gewölbe zu bemalen. Wenn ich einem Mönch, einem Diakon, einem Pastor oder sogar einem Bischof begegne, werde ich sie mit meinem Pinsel berühren. Sie werden schweigen und das Rot, Grün und Blau betrachten als hätten sie nie zuvor eine Farbe gesehen. Vielleicht gehe ich selbst zu unserem deutschen Papst und hinterlasse einen bunten Fleck auf seiner weißen Robe. Die Christenheit, werde ich ihm sagen, verdient Besseres als Schwarz und Weiß.&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;Es gab eine Zeit da trug ich Uniform und der Winter war sehr kalt gewesen. Ich kannte meine wahren Kräfte noch nicht und flog, meine Waffe umklammernd, durch die Lüfte wie ein trauriger Eiszapfen. An einem Frühlingswochenende ging ich mit einem Mädchen ein Pizza essen. Das Mahl war mir völlig gleich, mir war nur wichtig, was sie von mir dachte, aber sie sprach vom Teig und der besten Kruste; sie war vielleicht in einem früheren Leben Italienerin gewesen. Aber an diesem Abend kostete mich ihre Begeisterung für Pizza fast den Verstand. Ich hätte ebenso gerne auch Rattenschwänze mit Austernsoße gegessen! Ich wollte nur, dass sie mich ansah und sich in meinen graublauen Augen und meinen Worten verlor. Mehr als alles Übrige steckt mir ihre Abneigung gegen Artischocken im Gedächtnis. Das Leben tischt manchmal merkwürdige Erinnerungen auf. &lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;In diesem Frühjahr werde ich mich mit der Zeit anfreunden und den Raum sich selber überlassen. Ich werde nach oben schauen und auf warmen Regen warten. Ich werde meine Schuhe ausziehen. Ich werde Früchte von innen erkunden. Ich werde unbedingt schmutzig sein. Ich werde mein Körpergewicht in Buchstaben messen, mich in einen gefütterten Umschlag stecken und an Señor Agustin Primavera schicken, der mit seinem dreibeinigen Köter im letzten Haus der südlichsten Straße der Welt lebt, wo er lange spanische Gedichte in die Brandung deklamiert. Hierher kommt der Frühling für den Rest des Jahres wenn alles vorüber ist und die Menschen sich für den Sommer zurecht machen. &lt;/span&gt;&lt;br/&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br/&gt;&lt;span&gt;Mit den geübten Händen eines Weihnachtsmannes, der die Bettelbriefe von Kindern aus aller Welt erhält, wird Señor Primavera meinen Brief vorsichtig öffnen. Er wird einen Blick auf mein verwandeltes Ich werfen, anerkennend lächeln und ein Gewürz nach mir benennen.  &lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div class="p1"&gt;&lt;img src="http://farm8.staticflickr.com/7031/6546631043_fb097ec70b_b.jpg" width="350"/&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;#88. [Engl. Original &amp;#8220;&lt;a href="http://yareah.com/?p=2853" target="_blank"&gt;Spring Things To Do&lt;/a&gt;&lt;span id="goog_1666081517"&gt;&lt;/span&gt;&lt;span id="goog_1666081518"&gt;&lt;/span&gt;&amp;#8221; veröffentlicht in Yareah Magazine.]&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/31277255903</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/31277255903</guid><pubDate>Mon, 10 Sep 2012 19:29:00 +0200</pubDate></item><item><title>die abfahrt</title><description>&lt;p&gt;&lt;span&gt;Schon beim ersten Hahnenschrei war ich wach, die Pferde waren angeschirrt. Ich lag mit offenen Augen starrte an die Decke und suchte nach Punkten an denen ich meine Vergangenheit festzurren konnte, wie ein Schiff, das unwillig den Hafen verlässt und noch Taue am Ufer hat. Ich fühlte mich wie ein halsloser Schwan farblos erschien mir die Zukunft alle Farben würden hier bleiben, dort: grauer Himmel graue Gesichter Männer mit wilden Bärten Frauen mit Haaren auf den Zähnen und stählernen Muskeln jeder wusste dass im Osten Barbarei herrschte was hieß dass die Frauen keine fraulichen Rechte hatten. Ich wollte mich in ein Buch zurückziehen. Abfahrt rief eine Stimme vom Hof, dann hörte ich wieherndes Lachen und die fremden gutturalen Stimmen der Besucher Zischlaute wie Eidechsen stimmhaft aber grausam den Lauten gegenüber. Was wusste ich schon von der Welt? Ich sah auf den Christus an der gegenüberliegenden Wand: der Hofprediger dem er anvertraut war hatte die roten Wunden frisch mit Ochsenblut nachgezogen…die Fremden standen an der Tür und guckten auf uns herab die wir knieten und plötzlich begann ich Augen in meinem Kopf zu haben die fuhren wie an Tentakeln gehalten durch den ganzen Raum ich sah das spöttische Grinsen des Einen während ein anderer interessiert guckte und der dritte hatte sogar die Hände gefaltet aber ungeschickt als fehle ihm die Übung zur Andacht. Und da fiel auf einmal — ans Beten dachte ich schon gar nicht mehr und die Worte kamen mir mechanisch von den Lippen—alle Angst von mir ab und ich machte mich auf innerlich küsste meinen Christus und siehe es war der Tag der Auferstehung das hatte ich nicht bedacht. Und von dem Moment bis hin zum Ende meiner Tage hörte ich nicht auf nach zwei Richtungen zu sehen, so war das und als ich schließlich im Wagen saß, ganz allein, draußen schluchzte die Mutter und der Bruder guckte wie ein Schaf, aber verschmitzt, da war alles gut.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAlbrecht_D%C3%BCrer_-_Head_of_the_Twelve_Year_Old_Christ_-_WGA07061.jpg" title="Albrecht Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons" target="_blank"&gt;&lt;img alt="Albrecht Dürer - Head of the Twelve Year Old Christ - WGA07061" src="//upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d5/Albrecht_D%C3%BCrer_-_Head_of_the_Twelve_Year_Old_Christ_-_WGA07061.jpg/256px-Albrecht_D%C3%BCrer_-_Head_of_the_Twelve_Year_Old_Christ_-_WGA07061.jpg" width="256"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;#87. [Image: Albrecht Dürer, Head of the Twelve Year Old Christ (1506)][Text: aus &amp;#8220;&lt;a href="http://marcusspeh.com/books-2/" target="_blank"&gt;Gizella&lt;/a&gt;&amp;#8221;; Roman aus dem Mittelalter (erscheint 2013 auf Englisch). Weitere Auszüge &lt;a href="http://redlemona.de/marcus-speh/100-days-and-nights-1000-years-ago" target="_blank"&gt;hier&lt;/a&gt;]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/30666238007</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/30666238007</guid><pubDate>Sat, 01 Sep 2012 20:04:00 +0200</pubDate></item><item><title>un roseau pensant</title><description>&lt;p&gt;Überall wächst die Natur zur Zeit so stark über sich hinaus, dass es schwerer und schwerer wird, sie noch in ein Gleichnis zu packen. Sie schlängelt sich aus der Poesie hinaus in eine Welt jenseits der Worte. Dort wird vielleicht nicht gesprochen oder geschrieben, aber kräftig geschwitzt. Wasser und Wein fließen in Strömen. Nymphen legen sich den Männern um die muskulösen Arme und Beine; Faune, die Gesichter fratzenfreundlich, legen den Frauen behaarte, tierhaft bewegliche Hände auf Gesäß und Geschlecht. Hier werden Spiele gespielt: es dürstet die Spieler nach Sieg oder Niederlage. Beides wird tief empfunden: die Sieger saugen sich an ihrem Ergebnis fest wie untergehende Taucher am Sauerstoffgerät; die Verlierer heulen, jammern und fletschen ihre Gebisse, drohen zu beissen, Blut zu fördern. Aber irgendwo anders beginnt bereits das nächste Spiel und die Mitmacher treiben dorthin wie feuchtes, atmendes Holz. Was dem Philosophen einst als denkendes Schilf erschien, hier hat es sich in seine Ur-Triebe schön aufgelöst. Spielend und scherzend suchen wir den Untergang zu vergessen. Wir tanzen und musizieren in eine lange Sommernacht hinein. Küss mich, denn ich bin aus Irland, heisst es auf einem T-Shirt, das wir im Fernsehen sehen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.  &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;#86. [&lt;em&gt;&lt;a href="http://marcusspeh.com/2012/08/21/un-roseau-pensant/" target="_blank" data-bitly-type="bitly_hover_card"&gt;English version&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;div&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;&lt;span&gt;&lt;img src="http://25.media.tumblr.com/tumblr_m6e5e0Z2rm1rzwo2go1_500.jpg" width="400"/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;&lt;span&gt;&lt;br/&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;&lt;small&gt;Bild: spielende Kinder am Elbstrand, 1952.&lt;/small&gt;&lt;/div&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/29913341256</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/29913341256</guid><pubDate>Tue, 21 Aug 2012 21:48:00 +0200</pubDate></item><item><title>Leben im Plattenbau</title><description>&lt;p&gt;Ein gewisser Herr G, der in Berlin in einem Plattenbau auf der Leipziger Straße lebt, sammelt Kürzestgeschichten, ohne dabei methodisch vorzugehen. Er ist mehr oder weniger zufrieden, dieser Herr G, seine Stimmungen schwanken mit dem Wetter, was nicht übel ist, denn das Wetter ist meistens grimmiger Laune. Das Gleichbleiben des Wetters soweit menschenmöglich, ist einer der Knackpunkte des Stadtlebens. Die Stadt ist eine kontrollierte Umgebung, und in der Stadt sind die Plattenbauten der am meisten kontrollierter, regelmäßiger, klar strukturierter Teil. Der Sozialismus begrüßte den Plattenbau als Zeichen von Gleichheit und Wohlstand. Aber Gleichheit, wenn sie architektonisch angeordnet wird, wirkt wie ein Ameisenhügel. Und der Wohlstand ist immer nur so gut wie der nächste Penner. Aber obwohl Herr G weiß, dass er von den Bonzen gebumst wurde, zieht er es vor, sich eine postmoderne Sicht der Plattenbau-Monstrositäten zu bewahren. Gemeinsam mit anderen, die es sich nicht leisten können, das Viertel zu verlassen, hat er den Bürgermeister schriftlich aufgefordert, eine Plakette anzubringen. Was genau auf der Plakette stehen soll ist ihm nicht so wichtig, aber er und seine Mitverschwörer möchten, dass die Botschaft keinerlei Zweifel daran lässt, dass es sowohl historisch und politisch für jeden Bürger eine Ehre ist, im der Platte leben zu dürfen. Für den Fall, dass die Bürgermeisterei ihrem Vorschlag nicht folgen sollte, hat Herr G ein Blog eingerichtet, das ebenfalls &amp;#8220;&lt;a href="http://speh.tumblr.com" target="_blank"&gt;Plattenbau&lt;/a&gt;&amp;#8221; heißt. Wenn alles fehlschlägt, wird das Blog beweisen, dass man hier leben und trotzdem cool sein kann. Als seine Schwester Margarethe, die einen spanischen Maler geheiratet hat und jetzt auf einer sonnigen Insel im Mittelmeer lebt, ihre Augenbrauen, die denen von Paloma Picasso gleichen, angesichts seiner unermüdlichen Versuche, seinen Verbleib in diesem, wie sie sagt, „Museum des sozialistischen Realismus“, hochzieht, ballt er unter dem Tisch seine Fäuste. In der Stadtmitte, sagte er seien die Statuen von Marx und Engels dahingehend umgestellt worden, dass, wenn nach Jahren die Rekonstruktion des Stadtschlosses beendet sei, diese Gründerväter auf die Wiederauferstehung des Monarchismus blicken müssten. Auf Herrn Gs winzigem Balkon hockend, fahren Sie fort über das Wetter zu sprechen, immer der Ort der Unterhaltung, an dem gegensätzliche Geister einander am besten begegnen können. Sie kommen überein, dass es noch nie eine bessere Zeit gegeben habe, um die Zukunft zu begutachten, als jetzt. Und Margarethe, während sie sich umsieht und sich am Ausblick freut, gesteht zu, dass die Erbauer dieser Türme vermutlich ihr Bestes gegeben haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;small&gt;#85. [&lt;a href="http://marcusspeh.com/2012/07/25/plattenbau/" target="_blank"&gt;English original&lt;/a&gt;]&lt;/small&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plattenbau.jpg" target="_blank"&gt;&lt;img alt="image" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/Plattenbau.jpg" width="400"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;small&gt;Bild: Plattenbau in Dresden-Johannstadt&lt;/small&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/28981502996</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/28981502996</guid><pubDate>Wed, 08 Aug 2012 16:31:00 +0200</pubDate></item><item><title>Ein junger Poet betet für seinen Papa</title><description>&lt;p&gt;«Hallo Papa dort droben, geheiligt sei dein hinfälliges Himmelreich; Du gabst mir Manna und Munition und halfst mir durch die Minenfelder; täglich warfst Du mir Rätsel zu; drück Dich aus, drück Dich aus, sagtest Du, Dein eigenes Männerbild hinter dickem Brillenglas bergend; als ich noch klein war hattest Du scharfsichtiger Schieler Augen im Rücken; ungezählt die Male zu denen Du mich mein Gesicht wahren ließest; Du zeigtest mit dem Dichterfinger auf das Dschungelfieber; die Trauer in Deinen alten Augen; schweigend, geisterhaft folge ich in Deinen Fusstapfen; ich schaue zu dem uralten Stammbaum auf, über dessen Wurzeln ich sicher stehe; das Lächeln auf Deinem Gesicht ist nur Deins; siehst Du mich noch in Deinem ununterbrochenen Redefluss; Wanderer über den Wolken, Hirschfänger für Damen, die mit offenen Mündern, ihre Kiefer hängend bis zur Hüfte, zu Deinen Füßen sitzen; und dann Dein feingesponnenes Haar; Dein vorsichtiges Tasten und die Furcht zum Ende hin, als Du nicht mehr aus dem Haus gehen wolltest; Dein zärtliches Umarmen und immer der Duft frischer Blumen um Dein Löwenhaupt; wenn ich krank bin, spüre ich Deine Hand auf meiner Stirn wie ein blaugeädertes kühles Palmenblatt, das Ruhe verströmt; wortlos jage ich in Deinem Geiste mit der heiligen Harpune, die ich so lange Jahre geschärft unter Deiner Anleitung; ich beuge meinen Kopf; ich schreibe.»&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;&lt;img src="http://i48.tinypic.com/4resfq.jpg" width="300"/&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;&lt;small&gt;[#84. Übersetzung von &amp;#8220;A Young Writer&amp;#8217;s Prayer For His Daddy&amp;#8221;, in: &lt;a href="http://sadcoredadwave.tumblr.com/post/22713983484/a-young-writers-prayer-for-his-daddy-by-marcus-speh" target="_blank"&gt;Sadcore Dadwave&lt;/a&gt;; Bild: B. Speh by &lt;a href="http://taffimai.tumblr.com" target="_blank"&gt;Taffimai&lt;/a&gt;]&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/25281832331</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/25281832331</guid><pubDate>Sun, 17 Jun 2012 10:18:00 +0200</pubDate><category>lit</category><category>literatur</category></item><item><title>Schmerzwasser</title><description>&lt;p&gt;&lt;p class="p1"&gt;Ich liebe Dich sowieso nicht mehr, Du kannst gehen. Du kotzt mich an. Der Sex war immer scheisse. Ich hasse alle Männer. Ich hasse alle Frauen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Du ausschaust.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Wahrheitssplitter: Ich liebe Dich so sehr, dass es mir den Atem nimmt wenn ich dran denke, was ich für ein Glück hatte, Dich zu kriegen. Ich bete den Raum an, den Du gerade fülltest: selbst seine Luftteilchen sind mir heilig. Der Dunst auf der Scheibe, an die Du deine Wange presstest, ist mein Weihwasser. Sex mit Dir war nicht bloß ein Wunder, sondern eine Wiedergeburt.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Ich liebe alle Männer, aber wie kann ichs ihnen flüstern? Ich liebe alle Frauen, aber wie kann ichs ihnen verschweigen?&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Ich brauche kein Bild von Dir. Als Du schliefst, nahm ich Deine Fingerabdrücke ab und drückte sie mir überall auf meinen Körper und auf jeden Fleck des Hotelzimmers wo wir das erste Mal vögelten. Ich werde den ganzen Erdenrund mit Deinem Namen beschreiben.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Stimmt nicht: ich werde ewig leben. Stimmt: Ich werde sterben. Stimmt nicht: ich werde Dich nie anlügen. Stimmt: ich liebe Dich ohnehin nicht mehr, Du solltest verschwinden.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Lass mich. Lass mich mein eigenes Bild aufnehmen. Mach die Tür zu. Nimm die Treppe. Halt Dich am Geländer fest. Geh auf die Straße hinaus. Find einen Clown. Spuck in sein Gesicht.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;&lt;small&gt;#83. (&lt;a href="http://speh.tumblr.com/post/7422456508/short-cuts-i-dont-love-you-anymore-anyway-you" target="_blank"&gt;Engl. Original&lt;/a&gt;)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;&lt;img src="http://marcusspeh.files.wordpress.com/2012/06/carmine-copy.jpg" width="300"/&gt;&lt;/p&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/24552035074</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/24552035074</guid><pubDate>Wed, 06 Jun 2012 21:05:00 +0200</pubDate></item><item><title>Rotschopf</title><description>&lt;p&gt;Die Schwalben flogen überkopf. Hoch in der Luft schnappten sie ihr Futter aus dem Wind. Hier unten in meinem Sessel fühlte ich mich wie ein Dichter. Ich säuselte sanfte Töne zu Ehren der Schwalben über meinem vollgepropften Schädel. Mir war, als sei er ein Gefängnis, in dem ich in einer Zelle mit einer Mischpoke gesichtsloser Gangster eingeschlossen war, die alle meine eigenen Kinder waren ohne es zu wissen. Allmählich schrieb ich mich aus diesem Käfig heraus. Ich merkte, was die Vögel machten: es gab nichts für sie außer Fressen und Fliegen. Das ist das Vogelleben, dachte ich, und fiepte wie ein Schwälberich, oder was ich für Schwalbenklänge hielt, als plötzlich eine Rothaarige an der Tür erschien und bat, jemand möge sie zum Tor begleiten. Ich stand sofort auf und ging zu ihr. Keiner der anderen schwanzlosen Scheisser hatte sich auch nur gerührt. Sie hatten keine Lebensart und keine Kinderstube. Die Frau nahm meine Hand. Ich vermied sie anzuschauen. Wir liefen eine Weile nebeneinander her, denn das Tor lag weitab; sie fragte mich ob ich sie für atemberaubend hielt und ich sagte natürlich ja. Sie sagte ich solle mit ihr kommen und diesen Ort verlassen, aber ich weigerte mich. “Sind Sie ein Memme,” fragte sie mich. Ich sagte, dass ich in der Tat eine Memme sei, aber dass ich mich aufs Schreiben verstünde, was sie aber nicht zu beeindrucken schien. Ich erzählte ihr nicht, dass in unserer Familie eine schreckliche Schwäche für Rotschöpfe wütete, dass kleine und große Vermögen wegen eines karottenfarbenen Barts,  einer sommersprossigen Schulter von auserlesener Blässe oder einer fuchsroten Brustknospe verlorengegangen seien. Stattdessen ließ ich sie am Torhaus stehen und kehrte zu meinen Schwalben zurück, die immer noch hoch über uns kreisten und die jetzt auf den kahlen weißen Fleck herabsahen, der sich rasch von dem roten Punkt entfernte. Ich spuckte Kirschkerne, scharlachrote Geschosse, um die Rote in meinem Kopf zu würdigen. In meinem Lehnstuhl wurde ich wieder zum Dichter.  Ich setzte den Stift aufs Papier und schrieb mich langsam aus meinem Käfig heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;#82. Übersetzung von &lt;a href="http://www.madhattersreview.com/issue13/fiction_speh.shtml" target="_blank"&gt;&amp;#8220;Ginger&amp;#8221; — in: Mad Hatters Review 13&lt;/a&gt; © 2012 Marcus Speh &lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img src="http://marcusspeh.files.wordpress.com/2012/05/jk-by-anja-mueller.png" width="300"/&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;small&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;Bild: nach einem Foto von  &lt;a href="http://www.amazon.de/Frauen-Erotische-Fotografien-Anja-M%C3%BCller/dp/3887695011" target="_blank"&gt;Anja Müller&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/small&gt;.&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/23115477960</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/23115477960</guid><pubDate>Tue, 15 May 2012 21:24:00 +0200</pubDate></item><item><title>Die Mutter des Autors</title><description>&lt;p&gt;&lt;img src="http://www.pablo-ruiz-picasso.net/images/works/238.jpg" width="400"/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Die Mutter hatte immer in der ganzen Wohnung Zettelchen für ihn hinterlassen, außer an dem Tag, an dem sie sich tötete. Er konnte keinen Zettel finden, auf dem stand, dass sie ihn liebte, dass er aufräumen solle, dass er erinnern müsse zu atmen, zu essen, oder weniger zu rauchen. Das kann er ihr nicht verzeihen.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Der Mann wird ein Autor mit einem Geheimnis: in jedem Herbst zur Zeit ihres Todes schickt ihm seine Mutter ein schreckliches Fieber, das ihn beinahe umbringt, aber eben nur beinahe. Als im klar wird, dass diese Krankheit von seiner Mutter kommt, deutet er sie als unsichtbare Nachricht. Er kann sie nicht entziffern, aber er kann auch nicht aufhören es zu versuchen.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Die Quälerei ist nicht ohne Belohnung: während er sich auf seinen schweißgetränkten Laken wälzt, glüht er so lange bis sich die Idee für einen neuen Roman um seinen  Schmerz legt wie um eine Spule. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Er schreibt: “Nichts anderes gilt außer dem Hin und Her des Todes, des Lebens, des Todes.” Sein Lektor löscht diesen Satz.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Als der Autor erste Erfolge verzeichnet, wird er von Frauen umschwärmt. Er freut sich, dass sie ihn begleiten und schläft mit ihnen. Er bringt gerade genug Enthusiasmus auf damit sie bei ihm bleiben, aber kommt der Herbst, dann wird er wieder vom Fieber ergriffen und hört nicht auf sich zu schütteln und zu erschauern bis der nächste Roman geboren wird. Er weiß, dass sein Zorn die Temperatur erhöht, aber er gibt sich der Rosskur hin, um das kreative Beste aus sich herauszuholen.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Nachdem sie die Nacht bei ihm verbracht hat, sagt eine Frau: “Ich hätte nichts dagegen, Dein Gesicht jeden Morgen zu sehen, täglich mit Dir zu essen und in jeder Nacht mit Dir zu schlafen.” Der Autor hat keine Antwort für sie und die Frau fragt kein zweites Mal.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Kritiker nennen sein Werk “auf absurde Weise komisch”. Sie sehen ihn als eingebildeten Einsiedler, weil er keine Erklärungen zu sich abgibt. In Wirklichkeit fürchtet er sich aus einem anderen Grund vor der Selbstauskunft: was wenn seine Mutter aufhörte, sein Feuerchen zu entzünden? Könnte er dann überhaupt noch schreiben?&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Eines Tages ändert sich alles auf dieselbe Weise in der das Wetter sich ändert: ohne wissentlichen Grund. Er verliebt sich in eine Frau, die ihn ebenfalls liebt und die seinen Zorn und seine Furcht teilt. In diesem Jahr vergisst der Autor Fluch und Segen, die seine Sinne so lange geschärft haben. Stattdessen lässt er sich erstmals auf das Sterben des Jahres selbst ein und befasst sich mehr mit anderen als mit sich selbst. Und bevor er beginnen kann, sich um seine Gesundheit oder seine Kunst Sorgen zu machen, ist der Winter auch schon da.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Beim Eintreffen des ersten Schnees sitzt der Autor an seinem Schreibtisch und starrt auf ein weißes Blatt Papier. Nebenan sitzt seine Frau und singt zum Gitarrenspiel. Plötzlich erscheinen wie von Zauberhand Buchstaben vor ihm in der sorgfältigen Handschrift seiner Mutter. Dies ist der Brief auf den er gewartet hat.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Er legt eine Hand über die Augen, weil er nicht sicher ist, dass er ihn lesen kann nach so langer Zeit. Aber die Neugier ist stärker. Als er zu Ende gelesen hat, verschwinden die Worte wieder wie von selbst und seine ganze Wut ist verglüht. Er steht auf. Sein Rücken schmerzt als habe er jahrelang in einem Sarg gelegen und plötzlich vollführen seine Beine einen schnellen, unbewussten Tanzschritt. Sein ganzer Körper folgt diesem Schritt  und bald tanzt der Autor und summt selig im Zimmer herum wie eine Biene. Während er so flattert, fliegen ihn Worte, Sätze und Seiten an, die er leicht und lind aufnimmt ohne das Fieberhafte, das Schreiben für ihn immer bedeutet hat.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Der Autor mag mit diesem Wandel nicht rechten; er verbeugt sich vor dem Bild seiner Mutter; wissend, dass die beste Arbeit immer vor einem liegt, schreibt er einfach weiter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;small&gt;#81. © 2012&amp;#160;&lt;a href="http://marcusspeh.com" target="_blank"&gt;Marcus Speh&lt;/a&gt;. Erweiterte Übersetzung von &amp;#8220;&lt;a href="http://pureslush.webs.com/seriouswritermother.htm" target="_blank"&gt;The Serious Writer And His Mother&lt;/a&gt;&amp;#8221;. Extended English version &lt;a href="http://www.fictionaut.com/stories/marcus-speh/the-serious-writer-and-his-mother--2" target="_blank"&gt;at Fictionaut&lt;/a&gt;. Bild: Pablo Picasso, König der Minotauren (1958).&lt;/small&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/19885200331</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/19885200331</guid><pubDate>Sun, 25 Mar 2012 11:01:00 +0200</pubDate></item><item><title>Die Lösung</title><description>&lt;p&gt;&lt;p class="p1"&gt;&lt;a href="http://marcusspeh.com" target="_blank"&gt;&lt;img src="http://imgc.allpostersimages.com/images/P-473-488-90/38/3802/QQWIF00Z/posters/alfred-eisenstaedt-american-physicist-j-robert-oppenheimer-writing-on-blackboard-at-the-institute-for-advanced-study.jpg" width="366"/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;Auf der Tafel vermerkte Professor K. alles das, was ihm wichtig schien. So konnte es passieren, dass K. mitten im Vortrag an die Tafel stürzte und dort ein Abbild seines inneren Zustands aufzumalen begann. Das endete, da er überhaupt nicht zeichnen konnt, immer mit Frustration seinerseits, die aber niemand sah, weil die Studenten, sobald er einen seinen Anfälle bekam, leise hinausgingen und ihn machen ließen. Nur einmal blieb eine junge Frau sitzen, und als K. sich umdrehte, sein Kinn vor Ärger und Enttäuschung zitternd, sagte sie: ich kann mir wohl vorstellen, dass das weh tut. Ja, sagte er, sie haben keine Ahnung. Doch, sagte sie, das habe ich: ich ringe selbst ständig mit dem Ausdruck meiner Gefühle. Der Fluch unserer Zunft, sagte er, geben Sie um Himmels Willen nicht auf! Aber, sagte sie, warum hier, in einer Vorlesung über Elektrodynamik? Ich habe darüber nachgedacht, sagte er — und berichtete, quasi aus seinem Kopf ablesend, wie die Vollständigkeit und Beständigkeit beispielsweise der Faradayschen Gleichungen ihn zwar begeisterten, aber bei zunehmender Veranstaltungsdauer auch beunruhigten, weil sie ihn an seiner inneren Unordnung zweifeln ließen: diese war vielleicht gar keine Bedingung der Schöpferkraft, sondern bloß Chaos, kein Geburtsweh, sondern Todessummen: er trete an die Tafel, um diesem Zwist Raum zu geben. Während er das sagte, kniete er auf einem Stuhl in der vorderen Reihe, so dass er aussah wie ein Betbruder. Dasselbe, meinte er, passiere ihm übrigens in der Mechanik und in anderen Vorlesungen des Grundstudiums. Er sei ein Opfer des Aufeinandertreffens von mathematischer Ästhetik und Genius mit seinem persönlichen Jammertal. Erst in der höheren, der neuen Mathematik verlöre sich seine Anspannung und der Druck ließe nach. — Aber warum zeichnen Sie, sagte die Frau. Er seufzte: was denn sonst? Sie stand jetzt auf, ging auf ihn zu und streckte eine große, rosige Hand nach ihm aus: darf ich? Er wusste zunächst nicht, was Sie wollte und breitete seine Arme aus, denn sie war hübsch und der Antrieb, sie zu berühren kam ihm als alleinstehendem Mann wie von selbst. Nein, sagte sie, und errötete auf die freundlichste Weise: die Kreide! Natürlich, sagte er, die Kreide! Er wedelte mit den Händen, als habe er sich nur lockern wollen…Sie ging nach vorn und begann auf einer leeren Tafelseite Formeln aufzuschreiben. Professor K. machte große Augen. Erst dachte er, sie schreibe Unsinn, dann wurde ihm klar, als er auf den Anfang zurückschaute, dass dem nicht so war. Faszinierend, dachte er, das sind die Faradayschen Gleichungen, aber erstmal rückwärts, dann seitwärts, dann noch wieder anders…Warten Sie! rief er, trat zu ihr, die sich nicht unterbrechen ließ, und schrieb über ihrem Kopf weiter, wobei er sich vorbeugte und sie unter ihm in die Knie ging. Sie schrieben nun beide schneller und schneller, auch, und sogar vermehrt, in den Zwischenräumen der schon vorhandenen Zeilen, wechselten auch gelegentlich die Stellung, was mühelos gelang, bis die Tafel schließlich wirklich völlig mit Symbolen bedeckt war und auch nicht die kleinste Stelle übrig war: da stieß die Frau plötzlich einen spitzen Schrei aus. Sie warf sich der Länge nach zu Boden. K. ließe sich neben sie fallen. Beide atmeten schwer. Allmählich löste sich die Spannung und sie begannen erst zu glucksen, dann zu lachen und schlossen ihre Augen vor Glück.&lt;/p&gt;
&lt;p class="p1"&gt;&lt;small&gt;#80. © 2012&amp;#160;&lt;a href="http://marcusspeh.com" target="_blank"&gt;Marcus Speh&lt;/a&gt;. Photo: physicist &lt;a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Oppenheimer" target="_blank"&gt;J R Oppenheimer&lt;/a&gt; in Princeton, Institute for Advanced Study, by &lt;a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Alfred_Eisenstaedt" target="_blank"&gt;Alfred Eisenstaedt&lt;/a&gt;.&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/18599977300</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/18599977300</guid><pubDate>Fri, 02 Mar 2012 09:44:00 +0100</pubDate></item><item><title>Der Gescheiterte</title><description>&lt;p&gt;&lt;img src="http://25.media.tumblr.com/tumblr_lyaeh99rUs1qzmxzao1_500.jpg" width="350"/&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Gescheiterte sieht sich nicht als Gescheiterter, sondern als Beharrender. Selbst sein Haar ist widerspenstig. Dort, wo das Haar dünn zu werden droht, neigen sich die umstehenden Haare hierhin und dorthin, so dass er sich kein Blöße geben muss. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Auf Parties, die er gerne besucht auch wenn er niemanden dort kennt, sprechen die Leute über ihn ohne die Stimme zu senken. Da geht er, der Gescheiterte, sagen Sie. Und wer ihn nicht kennt, wird aufgeklärt, warum er so genannt wird:&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Einst war er ein Ausgezeichneter, ein Preisträger und ein Anwärter für noch größere Preise. In staubigen Stuben guckten hohläugige Bürokraten auf seinen Namen unter anderen Namen, wenn es um die Verteilung von Orden der Republik ging. In hochgelegenen Glaskabinen spielten sich andere, modernere, obzwar nicht notwendig jüngere Menschen, mit Fernsehproduktion befasst, seinen Namen zu wie einen prallen, kleinen Ball. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;All dieser Aufmerksamkeit wohl bewusst wurde der Mann hochnäsig. Er rief alte Freund nicht mehr zurück. Er verließ seine Frau, die ihn liebte. Er zeugte Kinder mit Fremden in fremden Städten, und beschmutzte seine Schuhe, weil er nicht mehr vor sich auf die Straße blickte und deshalb die Hundehaufen übersah.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Schließlich war er völlig allein, immer von Leuten umgeben, und hochgerühmt,aber noch nicht wirklich berühmt. Er hatte noch nicht das Zeichen auf der Stirn, das der wirklich Berühmte nie mehr löschen kann, das er sogar mit ins Grab nimmt wie ein ägyptisches Amulett. Aber er wusste es nicht. Er hielt sich für unverwundbar. Er wusste nichts von seinem Lindenblatt.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Das Ende kam rasch: ein Kritiker suchte ein Opfer, um sich für seinen Mangel an Talent und Aufmerksamkeit in der Welt zu entschädigen. Er sah unsern Mann, unsern noch nicht gescheiterten Kreativen, an der Seite einer blonden vollbusigen Frau, die fünfzehn Jahre jünger war als er. Er hörte, dass der Mann sich für groß hielt, aber als er sich umdrehte, nahm der Kritiker die verwundbare Stelle auf dem Rücken des Mannes wahr, und ohne viel nachzudenken stieß er zu: einmal, zweimal, da lag der Mann schon auf dem Bauch und blutete. Der Kritiker schlug ihm jetzt offen ins Gesicht: der Mann, der nicht wusste, wer oder was ihm geschah, schloss einfach die Augen und nahm sein Schicksal an: er war gescheitert. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Der Kritiker stieg über seinen zuckenden Körper höher und höher. Aber weil er ein Mörder war, ein Attentäter, traute ihm niemand und so blieb auch er allein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ansonsten geht es dem Gescheiterten jetzt gar nicht schlecht. Er wird zwar beobachtet wenn er ausgeht, aber ihm wird Vieles verziehen, und er verzeiht sich Alles. Zu Hause arbeitet er jetzt allein mit seinem Material, unabgelenkt, lächelt in sich hinein und streichelt sein stacheliges Haar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br/&gt;&lt;small&gt;#78. Text: © 2012&amp;#160;&lt;a href="http://marcusspeh.com" target="_blank"&gt;Marcus Speh&lt;/a&gt;. Photo: via &lt;a href="http://chamomilehoneypie.tumblr.com/post/16421238190" target="_blank"&gt;chamomile honey pie&lt;/a&gt;.&lt;a href="http://marcusspeh.com" target="_blank"&gt;&lt;br/&gt;&lt;/a&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;</description><link>http://krautflash.tumblr.com/post/17021139970</link><guid>http://krautflash.tumblr.com/post/17021139970</guid><pubDate>Sat, 04 Feb 2012 08:38:00 +0100</pubDate></item></channel></rss>
