krautflash — texte von marcus speh

eine erfrischende quelle von krautflash, mikro-fiktionen mit bildchen. meistens übersetzungen aus dem englischen original, gelegentlich auch deutsch first. kurz ist nicht besser aber schneller.

Plötzlich erinnere ich mich an die USA-Reise 1980: keine Mobiltelefone; die abgeschlossene Drehscheibe des Bakelit-Fernsprechers neben dem Motel-Bett. Die Farben der 70er Jahre überall, Vorvergangenheit war gerade mal Gestern. Die Fahrt durch New York State glühend im herbstlichen Laub. Ein Waschbär, der sich aus dem Mülleimer stahl; die großen Augen der spanischen Wissenschaftlerin so rund wie ihre Brüste, zwischen die ich mich gerne gelegt hätte. Die Studienfreundinnen meiner Schwester, denen ich exotisch vorkam, wo ich doch eben erst begonnen hatte, mich in meinem Körper richtig wohl zu fühlen. Die unterirdischen Stahlkammern der Teilchenbeschleuniger. Rasenschlummer in Cornell. Die jüdische Tochter des zu früh verstorbenen Malers aus Montauk. Liebe im Souterrain, schuldfrei, gehaspelt, aber doch genossen. Schwüre danach, die keiner von uns glauben durfte. Drei Tage Gedächtnisverlust unter einer Seidendecke. Der Transfer von experimenteller Literatur im feuchten Händedruck Robert Coovers. Der Geruch der Hexenprozesse immer noch in der Luft. Providence nahm ich als Omen mit zurück nach Osten. Während des Fluges wurde ‘Bedtime for Bonzo’ mit Ronald Reagan gezeigt. Der Film ließ mich einschlafen. Ich träumte, dass ich Präsident wurde, obwohl ich bloß ein Affe war, aber das schien niemandem aufzufallen.

#72 — Photo: Rondal Partridge - Self-portrait in a Motel, Anywhere, USA, mid-1980s. (English version published in Airplane Reading.)

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Plötzlich erinnere ich mich an die USA-Reise 1980: keine Mobiltelefone; die abgeschlossene Drehscheibe des Bakelit-Fernsprechers neben dem Motel-Bett. Die Farben der 70er Jahre überall, Vorvergangenheit war gerade mal Gestern. Die Fahrt durch New York State glühend im herbstlichen Laub. Ein Waschbär, der sich aus dem Mülleimer stahl; die großen Augen der spanischen Wissenschaftlerin so rund wie ihre Brüste, zwischen die ich mich gerne gelegt hätte. Die Studienfreundinnen meiner Schwester, denen ich exotisch vorkam, wo ich doch eben erst begonnen hatte, mich in meinem Körper richtig wohl zu fühlen. Die unterirdischen Stahlkammern der Teilchenbeschleuniger. Rasenschlummer in Cornell. Die jüdische Tochter des zu früh verstorbenen Malers aus Montauk. Liebe im Souterrain, schuldfrei, gehaspelt, aber doch genossen. Schwüre danach, die keiner von uns glauben durfte. Drei Tage Gedächtnisverlust unter einer Seidendecke. Der Transfer von experimenteller Literatur im feuchten Händedruck Robert Coovers. Der Geruch der Hexenprozesse immer noch in der Luft. Providence nahm ich als Omen mit zurück nach Osten. Während des Fluges wurde ‘Bedtime for Bonzo’ mit Ronald Reagan gezeigt. Der Film ließ mich einschlafen. Ich träumte, dass ich Präsident wurde, obwohl ich bloß ein Affe war, aber das schien niemandem aufzufallen.
#72 — Photo: Rondal Partridge - Self-portrait in a Motel, Anywhere, USA, mid-1980s. (English version published in Airplane Reading.)
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