krautflash — texte von marcus speh

eine erfrischende quelle von krautflash, mikro-fiktionen mit bildchen. meistens übersetzungen aus dem englischen original, gelegentlich auch deutsch first. kurz ist nicht besser aber schneller.

Beichte. Als ich die steinernen Füße des Heiligen in der Kathedrale sah, fragte ich meinen Vater, ob ich sie berühren dürfe, aber mein Vater sagte Nein und gab mir stattdessen eine seiner Vorlesungen zum Thema ‘Respekt vor den Toten’. Seine Anmerkungen zu Reliquien waren reichhaltig und fehlerfrei und sein sprühender Geist war geeignet, mich von Allem abzulenken außer seinem fetten, runden Gesicht, aus dem die Selbstzufriedenheit des Gebildeten strahlte. Wir hatten beide Zugang zur selben rothaarigen, ungezügelten Muse, in deren Lachfältchen Geschichten schaukelten und deren Züge uns fesselten. Aber ich wollte immer noch diese Steinfüße anfassen. Ich bewunderte die Zehen, die Nägel, und wie nackten Füße des Heiligen sich gegen jeden und alles in dieser Kirche, in der ich mich wie ein namenloser Körper in einer Herde fühlte, Augen vorstülpend im Ansehen der Taten der Reinen und Seligen, zu stemmen schienen. Erst Jahre später sprach ich im Beichtstuhl von der Wut gegen meinen Vater und von der Lust auf meine Mutter – um wieder einen strengen Sermon zu hören, diesmal vom Pater.  Unter der Hand gab ich ihm den Stinkefinger, wissend, dass Gott meine Aufsässigkeit gutheißen würde. Es war ein sorgloser Augenblick des Glaubens. Vor dem Beichtzimmer stand man Schlange. Dort gab es zwei Lampen – eine grüne und eine rote. Wenn das grüne Licht erschien, durfte ein Mensch eintreten. Ich sah nie jemanden herauskommen. Ich war nun alt genug, um Statuen berühren zu dürfen ohne getadelt zu werden, aber die Mönche hatten den eingesargten Heiligen klugerweise entfernt – möglich, dass sie die Luft des Aufruhrs gerochen hatten. Ich glaube nicht, dass der Geistliche oder mein Vater oder sonst wer meine Vernarrtheit in seine grau-granitenen Füße, die, wie meine, sechs Zehen besaßen, verstanden.

(Engl. Original)

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Beichte. Als ich die steinernen Füße des Heiligen in der Kathedrale sah, fragte ich meinen Vater, ob ich sie berühren dürfe, aber mein Vater sagte Nein und gab mir stattdessen eine seiner Vorlesungen zum Thema ‘Respekt vor den Toten’. Seine Anmerkungen zu Reliquien waren reichhaltig und fehlerfrei und sein sprühender Geist war geeignet, mich von Allem abzulenken außer seinem fetten, runden Gesicht, aus dem die Selbstzufriedenheit des Gebildeten strahlte. Wir hatten beide Zugang zur selben rothaarigen, ungezügelten Muse, in deren Lachfältchen Geschichten schaukelten und deren Züge uns fesselten. Aber ich wollte immer noch diese Steinfüße anfassen. Ich bewunderte die Zehen, die Nägel, und wie nackten Füße des Heiligen sich gegen jeden und alles in dieser Kirche, in der ich mich wie ein namenloser Körper in einer Herde fühlte, Augen vorstülpend im Ansehen der Taten der Reinen und Seligen, zu stemmen schienen. Erst Jahre später sprach ich im Beichtstuhl von der Wut gegen meinen Vater und von der Lust auf meine Mutter – um wieder einen strengen Sermon zu hören, diesmal vom Pater.  Unter der Hand gab ich ihm den Stinkefinger, wissend, dass Gott meine Aufsässigkeit gutheißen würde. Es war ein sorgloser Augenblick des Glaubens. Vor dem Beichtzimmer stand man Schlange. Dort gab es zwei Lampen – eine grüne und eine rote. Wenn das grüne Licht erschien, durfte ein Mensch eintreten. Ich sah nie jemanden herauskommen. Ich war nun alt genug, um Statuen berühren zu dürfen ohne getadelt zu werden, aber die Mönche hatten den eingesargten Heiligen klugerweise entfernt – möglich, dass sie die Luft des Aufruhrs gerochen hatten. Ich glaube nicht, dass der Geistliche oder mein Vater oder sonst wer meine Vernarrtheit in seine grau-granitenen Füße, die, wie meine, sechs Zehen besaßen, verstanden.
(Engl. Original)
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