Die Schwalben flogen überkopf. Hoch in der Luft schnappten sie ihr Futter aus dem Wind. Hier unten in meinem Sessel fühlte ich mich dichterisch. Ich säuselte sanfte Töne zu Ehren der Schwalben über meinem vollgepropften Schädel. Mir war, als sei er ein Gefängnis, in dem ich in einer Zelle mit einer Mischpoke gesichtsloser Gangster eingeschlossen war, die alle meine eigenen Kinder waren ohne es zu wissen. Allmählich schrieb ich mich aus diesem Käfig heraus. Ich merkte, was die Vögel machten: es gab nichts für sie außer Fressen und Fliegen. Das ist das Vogelleben, dachte ich, und fiepte wie ein Schwälberich, oder was ich für Schwalbenklänge hielt, als plötzlich eine Rothaarige an der Tür erschien und bat, jemand möge sie zum Tor begleiten. Ich stand sofort auf und ging zu ihr. Keiner der anderen schwanzlosen Scheisser hatte sich auch nur gerührt. Sie hatten keine Lebensart und keine Kinderstube. Die Frau nahm meine Hand. Ich vermied sie anzuschauen. Wir liefen eine Weile nebeneinander her, denn das Tor lag weitab; sie fragte mich ob ich sie für atemberaubend hielt und ich sagte natürlich ja. Sie sagte ich solle mit ihr kommen und diesen Ort verlassen, aber ich weigerte mich. “Sind Sie ein Memme,” fragte sie mich. Ich sagte, dass ich in der Tat eine Memme sei, aber dass ich mich aufs Schreiben verstünde, was sie aber nicht zu beeindrucken schien. Ich erzählte ihr nicht, dass in unserer Familie eine schreckliche Schwäche für Rotschöpfe wütete, dass kleine und große Vermögen wegen eines karottenfarbenen Barts, einer sommersprossigen Schulter von auserlesener Blässe oder einer fuchsroten Brustknospe verlorengegangen seien. Stattdessen ließ ich sie am Torhaus stehen und kehrte zu meinen Schwalben zurück, die immer noch hoch über uns kreisten und die jetzt auf den kahlen weißen Fleck herabsahen, der sich rasch von dem roten Punkt entfernte. Ich spuckte Kirschkerne, scharlachrote Geschosse, um die Rote in meinem Kopf zu würdigen. In meinem Lehnstuhl wurde ich wieder zum Dichter. Ich setzte den Stift aufs Papier und schrieb mich langsam aus meinem Käfig heraus.
#82. Übersetzung von “Ginger” — in: Mad Hatters Review 13 © 2012 Marcus Speh

Bild: nach einem Foto von Anja Müller.









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