krautflash

eine erfrischende quelle von krautflash, mikro-fiktionen mit bildchen. meistens übersetzungen aus dem englischen original, gelegentlich auch deutsch first. kurz ist nicht besser aber schneller.

Die Schwalben flogen überkopf. Hoch in der Luft schnappten sie ihr Futter aus dem Wind. Hier unten in meinem Sessel fühlte ich mich dichterisch. Ich säuselte sanfte Töne zu Ehren der Schwalben über meinem vollgepropften Schädel. Mir war, als sei er ein Gefängnis, in dem ich in einer Zelle mit einer Mischpoke gesichtsloser Gangster eingeschlossen war, die alle meine eigenen Kinder waren ohne es zu wissen. Allmählich schrieb ich mich aus diesem Käfig heraus. Ich merkte, was die Vögel machten: es gab nichts für sie außer Fressen und Fliegen. Das ist das Vogelleben, dachte ich, und fiepte wie ein Schwälberich, oder was ich für Schwalbenklänge hielt, als plötzlich eine Rothaarige an der Tür erschien und bat, jemand möge sie zum Tor begleiten. Ich stand sofort auf und ging zu ihr. Keiner der anderen schwanzlosen Scheisser hatte sich auch nur gerührt. Sie hatten keine Lebensart und keine Kinderstube. Die Frau nahm meine Hand. Ich vermied sie anzuschauen. Wir liefen eine Weile nebeneinander her, denn das Tor lag weitab; sie fragte mich ob ich sie für atemberaubend hielt und ich sagte natürlich ja. Sie sagte ich solle mit ihr kommen und diesen Ort verlassen, aber ich weigerte mich. “Sind Sie ein Memme,” fragte sie mich. Ich sagte, dass ich in der Tat eine Memme sei, aber dass ich mich aufs Schreiben verstünde, was sie aber nicht zu beeindrucken schien. Ich erzählte ihr nicht, dass in unserer Familie eine schreckliche Schwäche für Rotschöpfe wütete, dass kleine und große Vermögen wegen eines karottenfarbenen Barts,  einer sommersprossigen Schulter von auserlesener Blässe oder einer fuchsroten Brustknospe verlorengegangen seien. Stattdessen ließ ich sie am Torhaus stehen und kehrte zu meinen Schwalben zurück, die immer noch hoch über uns kreisten und die jetzt auf den kahlen weißen Fleck herabsahen, der sich rasch von dem roten Punkt entfernte. Ich spuckte Kirschkerne, scharlachrote Geschosse, um die Rote in meinem Kopf zu würdigen. In meinem Lehnstuhl wurde ich wieder zum Dichter.  Ich setzte den Stift aufs Papier und schrieb mich langsam aus meinem Käfig heraus.

#82. Übersetzung von “Ginger” — in: Mad Hatters Review 13 © 2012 Marcus Speh 

Bild: nach einem Foto von  Anja Müller.

Posted at 9:24pm.



Die Mutter hatte immer in der ganzen Wohnung Zettelchen für ihn hinterlassen, außer an dem Tag, an dem sie sich tötete. Er konnte keinen Zettel finden, auf dem stand, dass sie ihn liebte, dass er aufräumen solle, dass er erinnern müsse zu atmen, zu essen, oder weniger zu rauchen. Das kann er ihr nicht verzeihen.

Der Mann wird ein Autor mit einem Geheimnis: in jedem Herbst zur Zeit ihres Todes schickt ihm seine Mutter ein schreckliches Fieber, das ihn beinahe umbringt, aber eben nur beinahe. Als im klar wird, dass diese Krankheit von seiner Mutter kommt, deutet er sie als unsichtbare Nachricht. Er kann sie nicht entziffern, aber er kann auch nicht aufhören es zu versuchen.

Die Quälerei ist nicht ohne Belohnung: während er sich auf seinen schweißgetränkten Laken wälzt, glüht er so lange bis sich die Idee für einen neuen Roman um seinen  Schmerz legt wie um eine Spule. 

Er schreibt: “Nichts anderes gilt außer dem Hin und Her des Todes, des Lebens, des Todes.” Sein Lektor löscht diesen Satz.

Als der Autor erste Erfolge verzeichnet, wird er von Frauen umschwärmt. Er freut sich, dass sie ihn begleiten und schläft mit ihnen. Er bringt gerade genug Enthusiasmus auf damit sie bei ihm bleiben, aber kommt der Herbst, dann wird er wieder vom Fieber ergriffen und hört nicht auf sich zu schütteln und zu erschauern bis der nächste Roman geboren wird. Er weiß, dass sein Zorn die Temperatur erhöht, aber er gibt sich der Rosskur hin, um das kreative Beste aus sich herauszuholen.

Nachdem sie die Nacht bei ihm verbracht hat, sagt eine Frau: “Ich hätte nichts dagegen, Dein Gesicht jeden Morgen zu sehen, täglich mit Dir zu essen und in jeder Nacht mit Dir zu schlafen.” Der Autor hat keine Antwort für sie und die Frau fragt kein zweites Mal.

Kritiker nennen sein Werk “auf absurde Weise komisch”. Sie sehen ihn als eingebildeten Einsiedler, weil er keine Erklärungen zu sich abgibt. In Wirklichkeit fürchtet er sich aus einem anderen Grund vor der Selbstauskunft: was wenn seine Mutter aufhörte, sein Feuerchen zu entzünden? Könnte er dann überhaupt noch schreiben?

Eines Tages ändert sich alles auf dieselbe Weise in der das Wetter sich ändert: ohne wissentlichen Grund. Er verliebt sich in eine Frau, die ihn ebenfalls liebt und die seinen Zorn und seine Furcht teilt. In diesem Jahr vergisst der Autor Fluch und Segen, die seine Sinne so lange geschärft haben. Stattdessen lässt er sich erstmals auf das Sterben des Jahres selbst ein und befasst sich mehr mit anderen als mit sich selbst. Und bevor er beginnen kann, sich um seine Gesundheit oder seine Kunst Sorgen zu machen, ist der Winter auch schon da.

Beim Eintreffen des ersten Schnees sitzt der Autor an seinem Schreibtisch und starrt auf ein weißes Blatt Papier. Nebenan sitzt seine Frau und singt zum Gitarrenspiel. Plötzlich erscheinen wie von Zauberhand Buchstaben vor ihm in der sorgfältigen Handschrift seiner Mutter. Dies ist der Brief auf den er gewartet hat.

Er legt eine Hand über die Augen, weil er nicht sicher ist, dass er ihn lesen kann nach so langer Zeit. Aber die Neugier ist stärker. Als er zu Ende gelesen hat, verschwinden die Worte wieder wie von selbst und seine ganze Wut ist verglüht. Er steht auf. Sein Rücken schmerzt als habe er jahrelang in einem Sarg gelegen und plötzlich vollführen seine Beine einen schnellen, unbewussten Tanzschritt. Sein ganzer Körper folgt diesem Schritt  und bald tanzt der Autor und summt selig im Zimmer herum wie eine Biene. Während er so flattert, fliegen ihn Worte, Sätze und Seiten an, die er leicht und lind aufnimmt ohne das Fieberhafte, das Schreiben für ihn immer bedeutet hat.

Der Autor mag mit diesem Wandel nicht rechten; er verbeugt sich vor dem Bild seiner Mutter; wissend, dass die beste Arbeit immer vor einem liegt, schreibt er einfach weiter.

#81. © 2012 Marcus Speh. Erweiterte Übersetzung von “The Serious Writer And His Mother”. Extended English version at Fictionaut. Bild: Pablo Picasso, König der Minotauren (1958).

Posted at 11:01am.

Auf der Tafel vermerkte Professor K. alles das, was ihm wichtig schien. So konnte es passieren, dass K. mitten im Vortrag an die Tafel stürzte und dort ein Abbild seines inneren Zustands aufzumalen begann. Das endete, da er überhaupt nicht zeichnen konnt, immer mit Frustration seinerseits, die aber niemand sah, weil die Studenten, sobald er einen seinen Anfälle bekam, leise hinausgingen und ihn machen ließen. Nur einmal blieb eine junge Frau sitzen, und als K. sich umdrehte, sein Kinn vor Ärger und Enttäuschung zitternd, sagte sie: ich kann mir wohl vorstellen, dass das weh tut. Ja, sagte er, sie haben keine Ahnung. Doch, sagte sie, das habe ich: ich ringe selbst ständig mit dem Ausdruck meiner Gefühle. Der Fluch unserer Zunft, sagte er, geben Sie um Himmels Willen nicht auf! Aber, sagte sie, warum hier, in einer Vorlesung über Elektrodynamik? Ich habe darüber nachgedacht, sagte er — und berichtete, quasi aus seinem Kopf ablesend, wie die Vollständigkeit und Beständigkeit beispielsweise der Faradayschen Gleichungen ihn zwar begeisterten, aber bei zunehmender Veranstaltungsdauer auch beunruhigten, weil sie ihn an seiner inneren Unordnung zweifeln ließen: diese war vielleicht gar keine Bedingung der Schöpferkraft, sondern bloß Chaos, kein Geburtsweh, sondern Todessummen: er trete an die Tafel, um diesem Zwist Raum zu geben. Während er das sagte, kniete er auf einem Stuhl in der vorderen Reihe, so dass er aussah wie ein Betbruder. Dasselbe, meinte er, passiere ihm übrigens in der Mechanik und in anderen Vorlesungen des Grundstudiums. Er sei ein Opfer des Aufeinandertreffens von mathematischer Ästhetik und Genius mit seinem persönlichen Jammertal. Erst in der höheren, der neuen Mathematik verlöre sich seine Anspannung und der Druck ließe nach. — Aber warum zeichnen Sie, sagte die Frau. Er seufzte: was denn sonst? Sie stand jetzt auf, ging auf ihn zu und streckte eine große, rosige Hand nach ihm aus: darf ich? Er wusste zunächst nicht, was Sie wollte und breitete seine Arme aus, denn sie war hübsch und der Antrieb, sie zu berühren kam ihm als alleinstehendem Mann wie von selbst. Nein, sagte sie, und errötete auf die freundlichste Weise: die Kreide! Natürlich, sagte er, die Kreide! Er wedelte mit den Händen, als habe er sich nur lockern wollen…Sie ging nach vorn und begann auf einer leeren Tafelseite Formeln aufzuschreiben. Professor K. machte große Augen. Erst dachte er, sie schreibe Unsinn, dann wurde ihm klar, als er auf den Anfang zurückschaute, dass dem nicht so war. Faszinierend, dachte er, das sind die Faradayschen Gleichungen, aber erstmal rückwärts, dann seitwärts, dann noch wieder anders…Warten Sie! rief er, trat zu ihr, die sich nicht unterbrechen ließ, und schrieb über ihrem Kopf weiter, wobei er sich vorbeugte und sie unter ihm in die Knie ging. Sie schrieben nun beide schneller und schneller, auch, und sogar vermehrt, in den Zwischenräumen der schon vorhandenen Zeilen, wechselten auch gelegentlich die Stellung, was mühelos gelang, bis die Tafel schließlich wirklich völlig mit Symbolen bedeckt war und auch nicht die kleinste Stelle übrig war: da stieß die Frau plötzlich einen spitzen Schrei aus. Sie warf sich der Länge nach zu Boden. K. ließe sich neben sie fallen. Beide atmeten schwer. Allmählich löste sich die Spannung und sie begannen erst zu glucksen, dann zu lachen und schlossen ihre Augen vor Glück.

#80. © 2012 Marcus Speh. Photo: physicist J R Oppenheimer in Princeton, Institute for Advanced Study, by Alfred Eisenstaedt.

Posted at 9:44am.

Der Gescheiterte sieht sich nicht als Gescheiterter, sondern als Beharrender. Selbst sein Haar ist widerspenstig. Dort, wo das Haar dünn zu werden droht, neigen sich die umstehenden Haare hierhin und dorthin, so dass er sich kein Blöße geben muss.

Auf Parties, die er gerne besucht auch wenn er niemanden dort kennt, sprechen die Leute über ihn ohne die Stimme zu senken. Da geht er, der Gescheiterte, sagen Sie. Und wer ihn nicht kennt, wird aufgeklärt, warum er so genannt wird:

Einst war er ein Ausgezeichneter, ein Preisträger und ein Anwärter für noch größere Preise. In staubigen Stuben guckten hohläugige Bürokraten auf seinen Namen unter anderen Namen, wenn es um die Verteilung von Orden der Republik ging. In hochgelegenen Glaskabinen spielten sich andere, modernere, obzwar nicht notwendig jüngere Menschen, mit Fernsehproduktion befasst, seinen Namen zu wie einen prallen, kleinen Ball.

All dieser Aufmerksamkeit wohl bewusst wurde der Mann hochnäsig. Er rief alte Freund nicht mehr zurück. Er verließ seine Frau, die ihn liebte. Er zeugte Kinder mit Fremden in fremden Städten, und beschmutzte seine Schuhe, weil er nicht mehr vor sich auf die Straße blickte und deshalb die Hundehaufen übersah.

Schließlich war er völlig allein, immer von Leuten umgeben, und hochgerühmt,aber noch nicht wirklich berühmt. Er hatte noch nicht das Zeichen auf der Stirn, das der wirklich Berühmte nie mehr löschen kann, das er sogar mit ins Grab nimmt wie ein ägyptisches Amulett. Aber er wusste es nicht. Er hielt sich für unverwundbar. Er wusste nichts von seinem Lindenblatt.

Das Ende kam rasch: ein Kritiker suchte ein Opfer, um sich für seinen Mangel an Talent und Aufmerksamkeit in der Welt zu entschädigen. Er sah unsern Mann, unsern noch nicht gescheiterten Kreativen, an der Seite einer blonden vollbusigen Frau, die fünfzehn Jahre jünger war als er. Er hörte, dass der Mann sich für groß hielt, aber als er sich umdrehte, nahm der Kritiker die verwundbare Stelle auf dem Rücken des Mannes wahr, und ohne viel nachzudenken stieß er zu: einmal, zweimal, da lag der Mann schon auf dem Bauch und blutete. Der Kritiker schlug ihm jetzt offen ins Gesicht: der Mann, der nicht wusste, wer oder was ihm geschah, schloss einfach die Augen und nahm sein Schicksal an: er war gescheitert.

Der Kritiker stieg über seinen zuckenden Körper höher und höher. Aber weil er ein Mörder war, ein Attentäter, traute ihm niemand und so blieb auch er allein.

Ansonsten geht es dem Gescheiterten jetzt gar nicht schlecht. Er wird zwar beobachtet wenn er ausgeht, aber ihm wird Vieles verziehen, und er verzeiht sich Alles. Zu Hause arbeitet er jetzt allein mit seinem Material, unabgelenkt, lächelt in sich hinein und streichelt sein stacheliges Haar.


#78. Text: © 2012 Marcus Speh. Photo: via chamomile honey pie.

Posted at 8:38am.

Die Familien

Auckland, Neuseeland. — Die beiden Art Deco Häuser standen in einem Tal in Tuarangi Road nebeneinander, sichtbar von der Autobahn, die in die Stadt führte. Merkwürdigerweise konnte niemand in der Nähe der Häuser die Autos hören. Zwei Künstlerfamilien lebten in diesen Gebäuden, die für ihren endlos sich erweiternden Verstand zu eng schienen, die aber von ihnen für eine beinahe menschlich zu nennende Anmut geliebt wurden. Die Gärten hinter den Häusern blieben trotz der ernsten Anstrengungen der Bewohner, das Land trockenzulegen, Sumpfwiesen. Die Bildhauerei der Künstler stand im nassen Gras. Wenn eine neue Skulptur auftauchte wie ein großer, freundlicher Riese, nahmen die Kinder sie als erste in Beschlag, indem sie darauf herumkletterten, unüberwacht außer durch die hünenhaften Eukalyptus-Bäume am Straßenrand, die neugierig über den Zaun spähten.

#79. Übersetzung von THE FAMILIES für: Aotearoa Affair 2012. English original published in Blue Print Review issue 24 and in the Metazen Christmas Ebook 2010.

Posted at 10:00am and tagged with: Blue Print Review, Metazen, Aotearoa Affair 2012, Frankfurt,.

Die Familien
Auckland, Neuseeland. — Die beiden Art Deco Häuser standen in einem Tal in Tuarangi Road nebeneinander, sichtbar von der Autobahn, die in die Stadt führte. Merkwürdigerweise konnte niemand in der Nähe der Häuser die Autos hören. Zwei Künstlerfamilien lebten in diesen Gebäuden, die für ihren endlos sich erweiternden Verstand zu eng schienen, die aber von ihnen für eine beinahe menschlich zu nennende Anmut geliebt wurden. Die Gärten hinter den Häusern blieben trotz der ernsten Anstrengungen der Bewohner, das Land trockenzulegen, Sumpfwiesen. Die Bildhauerei der Künstler stand im nassen Gras. Wenn eine neue Skulptur auftauchte wie ein großer, freundlicher Riese, nahmen die Kinder sie als erste in Beschlag, indem sie darauf herumkletterten, unüberwacht außer durch die hünenhaften Eukalyptus-Bäume am Straßenrand, die neugierig über den Zaun spähten.
#79. Übersetzung von THE FAMILIES für: Aotearoa Affair 2012. English original published in Blue Print Review issue 24 and in the Metazen Christmas Ebook 2010.

Taras Zuneigung für Tim war beeinträchtigt von Tims Liebe zu Tom. Beide Jungen waren hübsch und hatten sandfarbenes Haar. In den Fotos der dreien war sie immerzu zwischen sie eingeschoben wie eine Scheibe Schinken zwischen zwei weichen Weißbrothälften. Sie sah Tim und Tom als schlaff-schöne, geschmeidige Gesellschafter—ob es wirklich Liebe war, wusste sie nicht. Sie hätte lieber zwei würzige Männer an der Seite gehabt, Männer mit Kanten, an denen sie sich hätte reiben können. Tara spürte, dass schon ein Esslöffel an Mannbarkeit sie für lange Zeit gesättigt hätte. Vermutend, dass eine Zweierbeziehung viel weniger ermüdend gewesen wäre, erschöpfte sie ihre Phantasie, um die Triade zu festigen.

Eines Tages schrieb sie ein Klavierstück für drei Hände und nannte es “Tyrannei für Drei”. Es war in einem neuen Schlüssel geschrieben: der T-Schlüssel war weder Moll noch Dur, weder traurig noch lustig. Tim und Tom nickten und ihre Köpfe, über denen Haarwellen schwappten, wippten zustimmend hin und her. Drei Spieler wurden benötigt, um das Musikstück auf einem Flügel zu spielen. Es war Hochsommer und es gab sonst kaum etwas zu tun; Sex war verboten und Geld zum Verreisen hatten sie nicht. Tim, Tom und Tara übten bis ihre Finger bluteten; sie übten bis jeder von ihnen eine so schwere Sehnenscheidenentzündung hatte, dass der diensthabende Arzt im Krankenhaus Fotos für eine neue Ausgabe des medizinischen Lehrbuchs “Künstlerkrankheiten” machte, in denen sie identisch bandagiert waren.

Aber es war Tara’s letzter Versuch selbdritt: als ihr Verband herunterkam, verbrannte sie “Tyrannei für Drei”, rief den Arzt an, der mit ihr hatte ausgehen wollen, und überließ Tim und Tom ihrer Verzückung.

#77. Photo: Jennifer Tomaloff, Ihr Buch “Bending Light Into Verse—In Those Days We” erscheint mit zwei Geschichten von Marcus Speh voraussichtlich im März 2012.

Posted at 10:26pm and tagged with: Jennifer Tomaloff, Bending Light into Verse, In Those Days We, Tara Selbdritt, Speh, Flash,.

Die Stadtmenschen werden nicht alt, sondern sie werden allmählich zu Steinen. Aber nicht zu irgendwelchen Steinen, sondern solchen, die auf anderen Steinen sitzen und die über sich hinaus deuten auf Alles was der Mensch mit Steinen erbauen kann. Einige Stadtmenschen, bevor sie endgültig zu Steinen werden, sind Musikinstrumente, die sich selber spielen. Jedes dieser Instrumente klingt so ganz anders als alle anderen. Aber ihre Einzigartigkeit ist eben nur manifest im Klang. Wissenschaftler, die diese Einzigartigkeit aufnehmen und zu beweisen versuchen, werden enttäuscht: auf den Tonaufnahmen der einzigartigen Klangfolgen der menschlichen Musikinstrumente ist nichts Besonderes zu hören. Nur menschliche Ohren können diese Einzigartigkeit im Augenblick der Klangerzeugung vernehmen. Die Menschen, die zu Musikinstrumenten werden, welche sich selber spielen, sind nach ihrem Tod keine alltäglichen Steine, sondern singende Steine, die alle Lebenden zu Tränen des Lachens oder der Traurigkeit rühren können mit ihrem Gesang. Wer einen dieser besonderen Steine berührt, dessen einzigartiger Klang wird hervorgerufen; so dass diese Steine vor anderen ausgezeichnet sind, weil Sie die Geschichte der Klänge, die uns alle bewegen und ausmachen, weiterführen bis in alle Zeit.

#76. Für Carol Novack(†). Übersetzung der English version.

Posted at 4:06pm and tagged with: carol novack,.

Die Stadtmenschen werden nicht alt, sondern sie werden allmählich zu Steinen. Aber nicht zu irgendwelchen Steinen, sondern solchen, die auf anderen Steinen sitzen und die über sich hinaus deuten auf Alles was der Mensch mit Steinen erbauen kann. Einige Stadtmenschen, bevor sie endgültig zu Steinen werden, sind Musikinstrumente, die sich selber spielen. Jedes dieser Instrumente klingt so ganz anders als alle anderen. Aber ihre Einzigartigkeit ist eben nur manifest im Klang. Wissenschaftler, die diese Einzigartigkeit aufnehmen und zu beweisen versuchen, werden enttäuscht: auf den Tonaufnahmen der einzigartigen Klangfolgen der menschlichen Musikinstrumente ist nichts Besonderes zu hören. Nur menschliche Ohren können diese Einzigartigkeit im Augenblick der Klangerzeugung vernehmen. Die Menschen, die zu Musikinstrumenten werden, welche sich selber spielen, sind nach ihrem Tod keine alltäglichen Steine, sondern singende Steine, die alle Lebenden zu Tränen des Lachens oder der Traurigkeit rühren können mit ihrem Gesang. Wer einen dieser besonderen Steine berührt, dessen einzigartiger Klang wird hervorgerufen; so dass diese Steine vor anderen ausgezeichnet sind, weil Sie die Geschichte der Klänge, die uns alle bewegen und ausmachen, weiterführen bis in alle Zeit.
#76. Für Carol Novack(†). Übersetzung der English version.

Tim Weißkohls Zirkus bot die großartigsten Attraktionen aus aller Welt: er zeige die siebenfingrige Rosa, die übrigens “schön wie eine Asiatische Prinzessin” war, obzwar sie aus einem Dorf an der Adria stammte; er zeigte Frantik, den Andorranischen Zwerg, der auf seiner eigenen Zunge balancieren konnte; er zeigte den sprechenden Elefanten, der seine Stimme in einem Babylonischen Feuer verloren hatte, der aber mit seinem Rüssel in den Sand schrieb: “Ich bin so allein.” Tim hatte sogar einen unermesslich kostbaren Ring von der Hand des Herrn Jesus Christus selbst, der durch jeden, der ihn getragen, Wunder bewirkt hatte. Rosa, das vielfingrige Mädchen, trug dieses Kleinod während der Vorstellung: “Ich könnte ebenso als Ring-Modell auftreten,” sagte sie zu einem, der sich wunderte, warum sie im Zirkus auftrat. In der Tat hätte sie viele Karrieren haben können aber sie liebte es, mit Tim Weißkohl und seiner wilden Truppe von Freaks und Genies zu reisen. Obwohl sie erst achtzehn war, hatte sie bereits ein Kind mit einem Prinzen gehabt, der zwei Finger jeder Hand auf dem Schlachtfeld gelassen hatte: der Prinz wollte einen gesunden Erben und erhielt von Rosa, die der genetischen Arithmetik mächtig war, einen Jungen mit genau zehn Fingern. Trotz ihrer Jugend hatte sie bereits die gesamte Welt zweimal gesehen, einschließlich “der Gegend jenseits der Karpaten, den Ruinen Karthagos und den sagenhaften Meerjungfrauen von Sevilla,” sagte sie. “Kein Wasser,” schrieb der Elefant in den Sand und meinte Sevilla, aber Rosa lachte nur das kehliges Lachen, welches sie unter Zigeunern gelernt hatte, und rief, jemand solle dem armen Tier etwas zu trinken bringen.

#75. Engl. Original veröffentlicht in Mad Hatters Review als “Mummenschanz”.

Posted at 12:17pm and tagged with: lit, kraut, flash, mummery, circus,.

Tim Weißkohls Zirkus bot die großartigsten Attraktionen aus aller Welt: er zeige die siebenfingrige Rosa, die übrigens “schön wie eine Asiatische Prinzessin” war, obzwar sie aus einem Dorf an der Adria stammte; er zeigte Frantik, den Andorranischen Zwerg, der auf seiner eigenen Zunge balancieren konnte; er zeigte den sprechenden Elefanten, der seine Stimme in einem Babylonischen Feuer verloren hatte, der aber mit seinem Rüssel in den Sand schrieb: “Ich bin so allein.” Tim hatte sogar einen unermesslich kostbaren Ring von der Hand des Herrn Jesus Christus selbst, der durch jeden, der ihn getragen, Wunder bewirkt hatte. Rosa, das vielfingrige Mädchen, trug dieses Kleinod während der Vorstellung: “Ich könnte ebenso als Ring-Modell auftreten,” sagte sie zu einem, der sich wunderte, warum sie im Zirkus auftrat. In der Tat hätte sie viele Karrieren haben können aber sie liebte es, mit Tim Weißkohl und seiner wilden Truppe von Freaks und Genies zu reisen. Obwohl sie erst achtzehn war, hatte sie bereits ein Kind mit einem Prinzen gehabt, der zwei Finger jeder Hand auf dem Schlachtfeld gelassen hatte: der Prinz wollte einen gesunden Erben und erhielt von Rosa, die der genetischen Arithmetik mächtig war, einen Jungen mit genau zehn Fingern. Trotz ihrer Jugend hatte sie bereits die gesamte Welt zweimal gesehen, einschließlich “der Gegend jenseits der Karpaten, den Ruinen Karthagos und den sagenhaften Meerjungfrauen von Sevilla,” sagte sie. “Kein Wasser,” schrieb der Elefant in den Sand und meinte Sevilla, aber Rosa lachte nur das kehliges Lachen, welches sie unter Zigeunern gelernt hatte, und rief, jemand solle dem armen Tier etwas zu trinken bringen.
#75. Engl. Original veröffentlicht in Mad Hatters Review als “Mummenschanz”.

«Morgens fiel ihm das Schlafen mit zunehmendem Alter schwer.» Solche Sätze dürfte es eigentlich nicht geben. Warum ist die Technik eigentlich noch nicht soweit, dass sie einen unpersönlichen, in seiner Banalität fast ekligen, schleimigen Satz nicht einfach löscht noch während er geschrieben wird? Die Schriftsteller der Zukunft werden kopfschüttelnd vor ihren Bildschirmen sitzen, auf denen Programme mit Herz und Verstand die Texte, welche diese Schriftsteller unbedingt schreiben wollen, eliminieren noch bevor sie vollständig dort stehen. Die störrischen Schriftsteller, die auf ihren Ideen bestehen, befinden sich dann in einer Art Schleife wie bei einem Aufhänger der alten Schallplatten. Immer wieder beginnen sie aufs Neue, und immer wieder schneidet ihnen der Computer das Wort ab. Aber sie geben nicht auf. Sie nähern sich dem Gegenstand aus einer anderen Richtung, sie schleichen sich an, Sie tricksen, fluchen, stampfen mit den Füßen, aber es fruchtet nichts. Einige verwerfen den Computer selbst und kehren zur Handschrift zurück und zur Intimität des Papiers. Andere wenden sich vom Schreiben selbst ab: die Maschine hat sie nicht enttäuscht, sondern nur ihre eigenen Zweifel bestätigt. Wieder andere suchen den Fehler in der Hardware oder Software und geben viel Geld aus: aber es fruchtet nichts. Alle Schreibprogramme sind, in der Zukunft von der ich spreche, gegen Unsinn gefeit. Nur einer von hunderttausend Schriftstellern beginnt wirklich ganz anders zu schreiben: «Morgens fiel der Schlaf dem alten Mann aus den Augen und rollte unter den Schrank, wo er sich versteckte, so dass der Alte aufstehen musste, ob er wollte oder nicht.»

#74. Photo: Picasso, annotated poem manuscript, December 24, 1935

Posted at 9:46am.

«Morgens fiel ihm das Schlafen mit zunehmendem Alter schwer.» Solche  Sätze dürfte es eigentlich nicht geben. Warum ist die Technik eigentlich  noch nicht soweit, dass sie einen unpersönlichen, in seiner Banalität  fast ekligen, schleimigen Satz nicht einfach löscht noch während er  geschrieben wird? Die Schriftsteller der Zukunft werden kopfschüttelnd  vor ihren Bildschirmen sitzen, auf denen Programme mit Herz und Verstand  die Texte, welche diese Schriftsteller unbedingt schreiben wollen,  eliminieren noch bevor sie vollständig dort stehen. Die störrischen  Schriftsteller, die auf ihren Ideen bestehen, befinden sich dann in  einer Art Schleife wie bei einem Aufhänger der alten Schallplatten.  Immer wieder beginnen sie aufs Neue, und immer wieder schneidet ihnen  der Computer das Wort ab. Aber sie geben nicht auf. Sie nähern sich dem  Gegenstand aus einer anderen Richtung, sie schleichen sich an, Sie  tricksen, fluchen, stampfen mit den Füßen, aber es fruchtet nichts.  Einige verwerfen den Computer selbst und kehren zur Handschrift zurück  und zur Intimität des Papiers. Andere wenden sich vom Schreiben selbst  ab: die Maschine hat sie nicht enttäuscht, sondern nur ihre eigenen  Zweifel bestätigt. Wieder andere suchen den Fehler in der Hardware oder  Software und geben viel Geld aus: aber es fruchtet nichts. Alle  Schreibprogramme sind, in der Zukunft von der ich spreche, gegen Unsinn  gefeit. Nur einer von hunderttausend Schriftstellern beginnt wirklich  ganz anders zu schreiben: «Morgens fiel der Schlaf dem alten Mann aus  den Augen und rollte unter den Schrank, wo er sich versteckte, so dass  der Alte aufstehen musste, ob er wollte oder nicht.»
#74. Photo: Picasso, annotated poem manuscript, December 24, 1935

Der Mann beugte sich vor, um die Frau zu küssen. Sie ließ sich auch küssen, aber ihr Gesicht blieb dabei unbewegt. Der Mann sah sofort in eine andere Richtung, in der ich stand, so dass ich sehen konnte, dass ein Schatten der Verletzung über sein Gesicht lief. Er trug einen grauen Anzug und war offenbar zur Arbeit bereit, während sie einen rosafarbenen Jogging Dress trug. Sie war viel kleiner als er, aber sie beherrschte ihn doch. Er versuchte gleich noch einmal, sie zu küssen: diesmal hob er mit der linken Hand ihr haar und platzierte seine Lippen auf der weichen Haut hinter ihrem Ohr. Sie ließ es wieder geschehen, steifer noch als vordem, und rannte fort. Er stieg in seinen schlanken, weißen BMW und saß dort noch eine weile mit kaltem Motor. Vielleicht sortierte er seine Gedanken zwischen den Atemzügen, vielleicht war das aber auch viel zu gefährlich, weil er sich die Frage vorlegen musste, ob sie ihn so liebte wie er sie. Eine Frage, die Männer sich ungern stellen, weniger gern noch als Frauen, weil sie mit der Wahrheit grössere Schwierigkeiten haben. Das ist natürlich wieder so einer dieser unbewiesenen Sätze. Aber das ist schon in Ordnung, weil es zwischen Männern und Frauen von unbewiesenen Wahrheiten und bewiesenen Unwahrheiten nur so wimmelt. — Nach diesem Einstieg sah ich mich den ganzen Tag lang nach Beweisen Für die Liebe um, konnte aber keine entdecken. Vielleicht war es einer dieser Tage, an dem die Stadtbewohner ihre Zuneigung hinter einer Maske der Geschäftigkeit verbergen, durch die dann keiner dringen mag. Erst am Abend, beim Wein, hinter schützenden Scheiben, pusten sie einander Zauberatem in die geöffneten Gesichter, bis das Grinsen ihnen endlich vergeht und einem samtigen Lächeln weicht. Und was sonst noch folgt, aber das ist privat.

#73. Photo: Edvard Munch, The Kiss.

Posted at 5:19pm.

Der Mann beugte sich vor, um die Frau zu küssen. Sie ließ sich auch küssen, aber ihr Gesicht blieb dabei unbewegt. Der Mann sah sofort in eine andere Richtung, in der ich stand, so dass ich sehen konnte, dass ein Schatten der Verletzung über sein Gesicht lief. Er trug einen grauen Anzug und war offenbar zur Arbeit bereit, während sie einen rosafarbenen Jogging Dress trug. Sie war viel kleiner als er, aber sie beherrschte ihn doch. Er versuchte gleich noch einmal, sie zu küssen: diesmal hob er mit der linken Hand ihr haar und platzierte seine Lippen auf der weichen Haut hinter ihrem Ohr. Sie ließ es wieder geschehen, steifer noch als vordem, und rannte fort. Er stieg in seinen schlanken, weißen BMW und saß dort noch eine weile mit kaltem Motor. Vielleicht sortierte er seine Gedanken zwischen den Atemzügen, vielleicht war das aber auch viel zu gefährlich, weil er sich die Frage vorlegen musste, ob sie ihn so liebte wie er sie. Eine Frage, die Männer sich ungern stellen, weniger gern noch als Frauen, weil sie mit der Wahrheit grössere Schwierigkeiten haben. Das ist natürlich wieder so einer dieser unbewiesenen Sätze. Aber das ist schon in Ordnung, weil es zwischen Männern und Frauen von unbewiesenen Wahrheiten und bewiesenen Unwahrheiten nur so wimmelt. — Nach diesem Einstieg sah ich mich den ganzen Tag lang nach Beweisen Für die Liebe um, konnte aber keine entdecken. Vielleicht war es einer dieser Tage, an dem die Stadtbewohner ihre Zuneigung hinter einer Maske der Geschäftigkeit verbergen, durch die dann keiner dringen mag. Erst am Abend, beim Wein, hinter schützenden Scheiben, pusten sie einander Zauberatem in die geöffneten Gesichter, bis das Grinsen ihnen endlich vergeht und einem samtigen Lächeln weicht. Und was sonst noch folgt, aber das ist privat.
#73. Photo: Edvard Munch, The Kiss.