Es ist durchaus typisch für mich, während der Komposition meiner Texte zwischen Deutsch und Englisch hin und her zu wechseln. Genauer gesagt ist dies nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Empfindung: Ich bin seit mehr als zehn Jahren hin und her gerissen, welche Sprache sich besser als Werkzeug eignet. Ich habe noch keine abschüssiges Urteil gefällt. Beide Sprachen sind mir gleich zugänglich, wenn ich auch zugeben muss dass mir das Deutsche als Muttersprache vermutlich vertrauter ist. Ich sage deshalb ‘vermutlich’, weil die Vertrautheit mit der Muttersprache eine andere Art von Vertrautheit ist als mit anderen Sprachen: sie zeichnet sich aus durch eine machtvolle Nähe zum Wort und zum Tonfall und zu den Assoziationen, die zu nahe gehen kann. Wie kann man dem Gegenstand und dem zu formenden Material zu nahe stehen? Es ist vielleicht wie beim Tanz: bestimmte Figuren müssen erfunden, erprobt, wiederholt und verbessert werden. Hierfür ist es nötig, immer wieder zurückzutreten. Und genau dieses Zurücktreten ist in der Muttersprache (wenigstens für mich) schwerer als im Englischen. Dass ich überhaupt in eine solche Zwangslage geraten bin, ist natürlich ein Privileg und ein Luxus, dessen ich mir auch durchaus bewusst bin. Unbekannt ist mir, ob andere sich in ähnlicher Lage befanden, obgleich sie auf einer anderen Ebene der Meisterschaft leben; ich spreche von Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Samuel Beckett usw. Hinzu kommen vermutlich eine große Zahl von Schriftstellern, die aus ehemaligen Kolonien stammen: V.S. Naipaul, Derek Walcott und andere, deren Werke und Schicksale mir aber viel weniger vertraut sind als die westlicher Schriftsteller. Von den möglichen Schwierigkeiten dieser Menschen, sich zwischen der einen oder anderen Sprache zu entscheiden ist mir leider nichts bekannt. Über die Vorteile der englischen Sprache habe ich mich an anderer Stelle ausführlicher geäußert. Mein Standpunkt hier war immer, dass mir die Fremdsprache größere spielerische Verfügbarkeit ermöglicht. Einige vorläufige Gedanken hierzu: die Herausforderung der deutschen Sprache als Medium des Schreibens der Schriftstellerei besteht auf verschiedenen Ebenen. Das Problem ist ein technisches: diese Ebene ist für alle Sprachen gleich. Die Größe der Herausforderung ist für jeden Muttersprachler ebenfalls gleich, wie allerdings man sich ihr nähern kann und welche Preise es zu gewinnen gibt für den Fall eines Sieges, das ist für jede Sprache anders. Warum? Weil jede Sprache eine andere Form und Größe von Literatur hervorgebracht hat.

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Die Größe der deutschen Literatur besteht in der fast rührend anmutenden Hoffnung, dass diese Sprache zu etwas anderem geeignet sei als zur Erstellung undurchsichtiger philosophischer Traktate und zum Schreiben romantischer Gedichte (Ausnahmen der Vergangenheit, wie Heine, oder der jüngeren Gegenwart, wie Enzensberger, bestätigen die Regel). Sprachwitz, wie Ihnen das Französische kennt oder Ironie wie das Englische besitzt, ist dem Deutschen und seinem Idiom fremd und findet sich in unserer Literatur kaum, oder irre ich mich? (Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, wie beispielsweise Kurt Tucholsky, Christian Morgenstern oder wieder Heinrich Heine, der verstossene Ahne der lehrte, die Sprache als Waffe im ästhetisch-politischen Kampf zu gebrauchen). Wenn der Deutsche nicht gerade träumt, läuft er Gefahr für andere unerträglich zu werden. Wenn die technische Herausforderung der Sprache an die vorhandene Literatur gekoppelt ist, weil jeder der schreibt, so auch ich, sich über die Marschen des bereits Geschriebenen auf den Horizont des Ungeschriebenen zubewegt wie eine richtungsverwirrte Krabbe, dann ist sie auch an die historische Ebene gekoppelt. Auf dieser Ebene trifft sich der deutsche Geist mit dem deutschen Ungeist, der so viel bemerkenswert Furchtbares hervorgebracht hat, dass seit nunmehr fast 100 Jahren die Welt eigentlich nichts anderes mehr von den Deutschen erwartet. Ich zähle den deutschen Genius, der sich in der Konstruktion und Herstellung von Automobilen und im Organisationswesen ausdrückt, hier bewusst nicht, weil er literarisch von untergeordneter Bedeutung ist. Ja, er schadet  der Literatur sogar, denn er ist nicht nur nicht auf Experimentierfreudigkeit bedacht, sondern er bekämpft sie überall. (Caveat lector: Nichts gegen die Innovationskraft und -freude windhundflinker deutscher Ingenieure, aber ihre Stärke ist nicht von derselben Beschaffenheit wie die des Künstlers, sie ist aus Stahl gefertigt und entspringt dem Siegfried, nicht dem singenden Orpheus oder der armlosen Milo, die sich des gemütskranken Dichters erbarmte…)

[See also: Linguistic Cross-dressing, English version, written after this text, with a different emphasis, namely the crossing between English and German as a writing language.] [Photo: der deutsche Dichter im französischen Exil, Heinrich Heine, in seiner “Matratzengruft”]

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Im Lichtschein brüllen
die Affen. Kleine funkelnde
Lampen dienen als
Unterhaltung für Tannenbäume.

Die Bücher beschweren sich
dass wir Dinge wählen statt Menschen: 
spiralförmige Bambuspflanzen
ölgetriebene mechanische Spielzeuge

das große schwarze Loch des 
hohlwangigen Breitbildschirms.
Der Hintern des ruderlosen
Dichters platt gedrückt auf

dem blauen IKEA Kissen. Er
sucht verlorene Zeitkapseln.
Auf der anderen Straßenseite 
gähnt Fensterschlucht. Irgendwo 

wird Wagner gespielt. 
Dies ist die Stunde des Jägers 
aber ich mach mich bereit 
zum Weggang auf weichen Sohlen.

Meine zwei größten Sünden:
Verdauung und Atemnot.
Auszeit für meine Schutzengel 
Mangel an Lebensgefahr: jetzt

vertrau’ ich dem Nahverkehr.
Vom Ende der Kindheit 
flüstert das verstaubte Brettspiel:
verwaist ist das Kinderzimmer.

Etwas bedrückt mich wie der
Wasserberg der auf dem
Tiefseefisch lastet. Aber
mir fehlen die Seher-Worte.

Vergebens such’ ich im Plato 
nach Modellen der Gegenwart.
Die Zeitungen spritzen Tintengift
Platitüden beherrschen die Politik.

Auf meiner Fahne trag’ ich
die Faust des Erzengels der 
den Drachen der Sehnsucht tötet.
Jetzt fehlte ihm die Bedrohung.

Aber es war schon zu spät 
die Welt war entschärft:  
aus den Fabriken kam alles  
zellophanverpackt glatt

elektronisch duftend
farbenreich jugendfrei
alles roch wie Apple
und dahinter steckten

Millionen winziger Chinesen
gelbe Heinzelmännchen
(obwohl die Chinesen weder 
klein sind noch gelb).

Panzer rollen von der einen zur
anderen Landesgrenze. Dies ist 
die Stunde des Jägers
wenn der Dunst aus den Feldern

steigt und sich mit dem Abgas 
der Städte mischt. In der
Tiefe des Waldes schüttelt
ein Rothirsch sein Haupt.

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Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Knabe mit Schleuderpfeil—Jäger im Wald, ca. 1928 (Wikimedia).

Posted at 2:29pm.


King Cat Kincaid hält dich fest. Zeit tropft vom Ast. Kaffee schwappt auf dem Rücken des traurigen Elefanten. Von deiner verletzten Hand träufelt Blut in den Mutterozean. Das Jesus T Shirt besänftigt die Christen. Aus deiner Stirn springt die Schlange des Verstehens hervor. King Cat Kincaid will, dass du dir die Igelhaare schneidest, bevor du vor die Menge trittst, die dich als ihren König begrüßen werden. Du bewunderst, dass sie auf Korksohlen in luftiger Höhe das Gleichgewicht und ihre Selbstbeherrschung behält. Du bewunderst ihren Schnurrbart: wie außergewöhnlich sich die steifen, schwarzen Borsten in die ganze Gestalt fügen, so dass ihre Figur sogar an Weiblichkeit gewinnt. Aber hinter der Mauer des Schweigens wartet bereits der Thronräuber. Er steckt seine dicke Nase in deine schmutzige Wäsche. Sein Neid steigt in Schwaden zum Himmel auf und regnet gelblich zur Erde herab.

[Engl. Übersetzung]

Posted at 11:44pm.

King Cat Kincaid hält dich fest. Zeit tropft vom Ast. Kaffee schwappt auf dem Rücken des traurigen Elefanten. Von deiner verletzten Hand träufelt Blut in den Mutterozean. Das Jesus T Shirt besänftigt die Christen. Aus deiner Stirn springt die Schlange des Verstehens hervor. King Cat Kincaid will, dass du dir die Igelhaare schneidest, bevor du vor die Menge trittst, die dich als ihren König begrüßen werden. Du bewunderst, dass sie auf Korksohlen in luftiger Höhe das Gleichgewicht und ihre Selbstbeherrschung behält. Du bewunderst ihren Schnurrbart: wie außergewöhnlich sich die steifen, schwarzen Borsten in die ganze Gestalt fügen, so dass ihre Figur sogar an Weiblichkeit gewinnt. Aber hinter der Mauer des Schweigens wartet bereits der Thronräuber. Er steckt seine dicke Nase in deine schmutzige Wäsche. Sein Neid steigt in Schwaden zum Himmel auf und regnet gelblich zur Erde herab.
[Engl. Übersetzung]

Ich beschreibe einfach mal, was alles so um mich herum steht, und mich dadurch beschäftigt, dass es Teil meines Raumes ist, die physische Erweiterung meines Gedankenraumes, auch ein Ort des Rückzugs: eine Schatzkarte auf Blütenpapier; die Zeichnung einer langen, dünnen Frau; eine blasse Statue der Uta von Naumburg; ein winziges rotes Feuerschiff in der Flasche; ein handgemachtes Büchlein, darin eine Geschichte von mir, mit dem Konterfei von Salman Rushdie auf dem Titelblatt; ein bunt gestrickter Hacky-Sack, den ich im Workshop verwende; eine vergilbte Fotografie, die meinen Vater als ca. 9-jährigen mit seinem 3-jährigen Bruder zeigt: Sie sitzen lachend neben einer riesigen Modelleisenbahn, die mein Großvater gebaut hatte; ein schmaler Schreibtisch aus Kauri-Holz, aus Neuseeland mitgebracht; ein vorübergehend erblindetes Mobiltelefon; ein Schränkchen, das so voller alter, ungebrauchter Kabel und anderer Elektronika steckt, dass ich es jahrelang nicht zu öffnen wagte; weiße Doppelfenster; eine weiß gestrichene Lampe im Retro-Look, die nicht von der Vergangenheit überzeugt ist; eine Geburtstagskarte, von meiner Frau gestaltet: sichtbar ist ein Gorilla, erstarrt in einer Geste der Dominanz, und auf ewig in die Fläche gesperrt. Vergessen habe ich noch ein Comic, einen Cartoon in 15 Bildern, den meine Tochter vor einer Reise für mich gezeichnet hat: in diesem Cartoon Ist die Zeit um 13:53 Uhr stehen geblieben, und von Liebe ist viel die Rede, von Liebesschwüren gar, und alle Protagonisten und Antagonisten sind durch Smileys dargestellt. Hinter mir lauern die Bücher. Vor mir schwanken die Bäume entlang der Straße. Über mir bäumt sich der Himmel unter den Schlägen der Sonnenpeitsche. Ein anderer würde, im selben IKEA-Stuhl sitzend, ganz andere Schlussfolgerungen ziehen, möglicherweise keine literarischen, sondern persönliche, oder magische, oder einfach nur sachliche. Gründe für diese Zusammenstellung von Dingen gibt es so viele, dass sie gar nicht zählen. Und wenn ich die Augen schließe, bin ich doch immer wieder am selben Ort.

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[Via marcusspeh.de—07/2012]

Posted at 7:38pm.

«Immer wenn ich mir vornehme, die wütenden, politischen Gedichte meines Vaters zu überarbeiten und zu veröffentlichen, überwältigt mich die Vielzahl von Bildern, die meine Erinnerung an seinen grauen, über die Schreibmaschine gebeugten Kopf begleiten, an sein Aufschauen wie ein Blinder, der das Innere einer ungeschauten oder vielleicht einer verlorenen Welt abtastet, in das Unbekannte vordringend wie Professor Challenger, niemals überrascht von dem was er findet und immer bereit, großzügig seine Schätze mit denen, die hören mögen, zu teilen. Er richtet sich auf, fuchtelt mit einem Stück Papier, sagt „Perlen vor die Säue“ in den Raum hinein, greift nach seiner verlesenen Ausgabe von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, kratzt sich, was ein merkwürdiges Geräusch verursacht weil er trotz seiner 70 Jahre enge Lederhosen trägt, und plumpst auf das Sofa. Er zieht sich das Buch über die Augen und beginnt zu schnarchen. Später wird er aufwachen, sich an den Takt erinnern, in denen seine Nasenflügel während seines Schläfchens flatterten, und dann wird er Stunden damit zubringen, diesen Rhythmus auf seinen Text zu übertragen, während er selbst wie ein Buch zu den Füßen einer der großen Buchsammlungen der Stadt zusammengeklappt liegt, wie eine in ein Buch verwandelte Fledermaus, wie der letzte Buchstabe einer Geheimsprache, die sich selber auswendig lernen muss, und so geht es in meinem Kopf immer weiter bis ein Freund mich vor meinen Reminiszenzen rettet und mich auf ein Bier in die Stadt mitnimmt.»


Der Anlass für diesen Text war meine Lektüre der fiktiven Biografie der letzten Tage des Schriftstellers H.G. Wells in “A Man Of Parts” von David Lodge.  Nachdem ich das Buch weit gehend durchgepflügt hatte (bin immer noch nicht ganz zu Ende gekommen), griff ich zu meinem iPad-Stift und malte das Bild über eine Fotografie, die in Wells eigenem Buch “Experiment in Autobiography” von 1934 erschiene war. Das Bild ist jetzt mein permanenter Desktop-Hintergrund. Die zwei verschiedenen Augen im Bild verwickeln mich in meinen eigenen Traum während ich immer weiter diktiere…

Posted at 5:43pm.

«Immer wenn ich mir vornehme, die wütenden, politischen Gedichte meines Vaters zu überarbeiten und zu veröffentlichen, überwältigt mich die Vielzahl von Bildern, die meine Erinnerung an seinen grauen, über die Schreibmaschine gebeugten Kopf begleiten, an sein Aufschauen wie ein Blinder, der das Innere einer ungeschauten oder vielleicht einer verlorenen Welt abtastet, in das Unbekannte vordringend wie Professor Challenger, niemals überrascht von dem was er findet und immer bereit, großzügig seine Schätze mit denen, die hören mögen, zu teilen. Er richtet sich auf, fuchtelt mit einem Stück Papier, sagt „Perlen vor die Säue“ in den Raum hinein, greift nach seiner verlesenen Ausgabe von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, kratzt sich, was ein merkwürdiges Geräusch verursacht weil er trotz seiner 70 Jahre enge Lederhosen trägt, und plumpst auf das Sofa. Er zieht sich das Buch über die Augen und beginnt zu schnarchen. Später wird er aufwachen, sich an den Takt erinnern, in denen seine Nasenflügel während seines Schläfchens flatterten, und dann wird er Stunden damit zubringen, diesen Rhythmus auf seinen Text zu übertragen, während er selbst wie ein Buch zu den Füßen einer der großen Buchsammlungen der Stadt zusammengeklappt liegt, wie eine in ein Buch verwandelte Fledermaus, wie der letzte Buchstabe einer Geheimsprache, die sich selber auswendig lernen muss, und so geht es in meinem Kopf immer weiter bis ein Freund mich vor meinen Reminiszenzen rettet und mich auf ein Bier in die Stadt mitnimmt.»

Der Anlass für diesen Text war meine Lektüre der fiktiven Biografie der letzten Tage des Schriftstellers H.G. Wells in “A Man Of Parts” von David Lodge.  Nachdem ich das Buch weit gehend durchgepflügt hatte (bin immer noch nicht ganz zu Ende gekommen), griff ich zu meinem iPad-Stift und malte das Bild über eine Fotografie, die in Wells eigenem Buch “Experiment in Autobiography” von 1934 erschiene war. Das Bild ist jetzt mein permanenter Desktop-Hintergrund. Die zwei verschiedenen Augen im Bild verwickeln mich in meinen eigenen Traum während ich immer weiter diktiere…



[Englisches Original mit Audio-Aufnahme als mp3]

Der kleine Herr Häwelmann ist jetzt ein richtiger Mann, aber klein ist er doch immer noch. Das hat er mit anderen literarischen Figuren gemein. Nicht, dass er klein ist, sondern dass er erwachsen wurde. Ishmael zum Beispiel: der hat jetzt einen Bauch der ist so groß und rund, dass darin ein kleiner Walfisch Platz hätte. Oder nimm den alten Werther. Der hat sich damals natürlich nicht wirklich umgebracht. Genau wie Goethe machte er seine Erfahrungen, und dann ging es weiter, Hotte-hüh Hotte-hüh im Galopp über die Schlachtfelder der Männlichkeit hinweg, durch die Leiber der Frauen, immer auf der Suche nach einer, die ihn Lotte vergessen lassen würde. Endlos, schier endlos ist der See, der mit den Namen und Schicksalen fiktiver Helden angefüllt ist wie mit Wassertropfen. An seinen Ufern weiden die Dichter wie Kühe. Hinter den Dichtern stehen die Verleger und warten darauf, ihre eitrigen Finger um die Euter legen und die Milch der frommen Schöpferkraft melken zu können. Das ist nicht der See der toten Dichter, sondern der See der toten Figuren in den Geschichten der Dichter.

Zurück zum Herrn Häwelmann. Klein ist er immer noch, aber ein richtiger Mann ist er geworden. Immer noch beherrscht er die Fähigkeit, auf einem Mondstrahl aus seinem Leben heraus zu fahren. Tut er es, dann bleibt an der Seite seiner Ehefrau, der getreuen Karlotta, ein leerer Platz. Nur die Kissen, Decken und die Matratze behalten noch die ungefähren Umrisse, das plumpe Abbild des Häwelmann. Heute reitet er auf einem ganz besonderen Mondstrahl: Hexen haben ihn gewoben aus den Flechten ihrer rotfarbenen Haare. Deshalb glüht er feurig in der Luft und der Häwelmann reitet ihn wie er es seit Kindertagen gewohnt ist. Hotte-hüh Hotte-hüh, ruft er und schwingt eine unsichtbare Peitsche. Durch alle Himmel hindurch, quer über den Erdenrund tobt er auf seiner Tangente. Einmal fällt ein Mann im Raumanzug an ihm vorbei. Das weiß der Häwelmann nicht, dass da einer den Weltrekord im freien Fall zu brechen versucht. So hat jeder seinen Kindertraum, aber der kleine Häwelmann liebt seinen, liebt ihn fast jede Nacht. […]

[Weiterlesen]

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Bild: Illustration von Else Wenz-Viëtor für “Der kleine Häwelmann" von Theodor Storm. Veröffentlicht auf Deutsch/Englisch (Übers. Carlye Birkenkrahe) im Metazen Christmas Ebook III.

Posted at 12:45pm.

Alle Kunst ist Wettbewerb: zunächst der Wettbewerb der Künstlerin mit dem inneren Bild ihrer Kunst. Sie hat sich das eine vorgestellt und doch das andere geschaffen. Das Letztere muss jetzt in das Erstere überführt werden. Das ist ein Wettkampf, den sie nicht gewinnen kann, denn er wird gegen den unendlich schnellen, unsichtbaren Gegner der Fantasie ausgetragen. Und dennoch handelt es sich um einen süßen Wettstreit, die ursprüngliche Quelle des menschlichen Bedürfnisses, etwas Schönes zu schaffen. 

Wenn das fertige Kunstwerk sich seinen Betrachtern stellt, liegt wieder Rivalität in der Luft. Auch die Betrachter haben sich zwangsläufig Gedanken gemacht. Diese Gedanken entsprangen vielleicht nur ihren Fantasien über die Künstlerin und ihrer Auffassung von der Mächtigkeit des Künstlers oder der Mächtigkeit des Mediums. Vielleicht haben diese Betrachter auch bereits eine Reproduktion des Kunstwerks gesehen: dann ringen sie mit der eigenen Erinnerung. 
Das ist wie im Louvre, wenn wir uns durch die Massen an Touristen mit ihren klickenden Apparaten gekämpft haben und endlich vor der Mona Lisa, diesem meistdiskutiertesten Gemälde der Welt stehen. Da sehen wir zunächst mal überhaupt nichts, weil unsere  Vorstellungskraft von so vielen Eindrücken gefüttert war, dass das kleine eher unscheinbare Bild kaum mithalten kann. Aber ebenso wie jedes anderen Bild hat es den unschätzbaren Vorteil der physischen Realität. Das ist der Grund, weil warum der Farbklecks, den man riechen kann, uns immer wird stärker berühren können als das flüchtige Wort. Und hier komme ich aus dem allgemeinen wieder zurück ins Konkrete.
Vor einigen Tagen war ich Gast (und Ehemann)  Künstlerin bei der Eröffnung einer Kunstausstellung an einem Ort, an dem der Wettstreit des Wortes mit dem Bild, der geschriebenen gegenüber der gebildeten Wahrheit, so recht zum Ausdruck kam. Denn der Ort der Ausstellung war eine Bibliothek. Vom Standpunkt der Bücher, die dort  standen, war es eine Invasion… [weiterlesen]

Bild: "God at his creation" von Carlye Birkenkrahe 

 

Posted at 4:15pm.

KEWL

Das Mädchen sammelt Lebewesen von der Straße auf, die selbst für eine Abnormitäten-Schau sehr ausgefallen sind: der pinke Elefant, der nicht aufhören kann, von seiner Ehe mit einem Schweizer Kuckuck zu reden, die an der Regelmäßigkeit der Rufe des Federviehs und sexueller Frustration, Vogelschnabel gegen speckigen Säugetierschwanz, gescheitert war; der ungeheuer große, schwefelfarbige Falter, der dem Schlachthaus des Damien Hirst entkommen war und der auf immer deprimiert sein würde, weil er seine Freunde auf einer mit kleinen, aufgespießten Körpern übersäten Wand, einer Installation, die im englischen Guardian “Lepidopter-Landeplatz” genannt wurde, zurücklassen musste; oder die Labradorhündin, ungewöhnlich nur dadurch, dass sie der ursprüngliche Hund aus der Zeile „On the Internet, Nobody Knows You’re A Dog” war. Das Mädchen passt auf sie auf, oder vielleicht passen sie auf das Mädchen auf, klar ist es nicht: die Grenze eines großartigen, fantastischen Gehirns ist wie eine Membran zwischen zwei Welten. Sie schwingt und schwankt in der Brise des Geistes. Die Tiere sind Transponder, die Antwort auf Ihren Bedarf an Reizen. Nachts stiehlt das Mädchen ihre Häute und streift sie über, durchstreift Dschungel und Städte, veralbert die Götter und verdreht uralten Steinskulpturen die Köpfe. „Wir sind jetzt eine Familie,“ sagt sie zu Ihnen. „Kewl,“ sagt der Hund, der mit dem Schwanz wedelt, der den Schmetterling trifft, der auf dem rosaroten Rücken des melancholischen Elefantenbullen landet und niest.

[Das Bild für das dieses Geschichte ursprünglich geschrieben wurde][Englische Originalversion][Photo: Bette Davis als shamrock girl/Kleeblattmädchen]

Posted at 8:54am.

KEWL
Das Mädchen sammelt Lebewesen von der Straße auf, die selbst für eine Abnormitäten-Schau sehr ausgefallen sind: der pinke Elefant, der nicht aufhören kann, von seiner Ehe mit einem Schweizer Kuckuck zu reden, die an der Regelmäßigkeit der Rufe des Federviehs und sexueller Frustration, Vogelschnabel gegen speckigen Säugetierschwanz, gescheitert war; der ungeheuer große, schwefelfarbige Falter, der dem Schlachthaus des Damien Hirst entkommen war und der auf immer deprimiert sein würde, weil er seine Freunde auf einer mit kleinen, aufgespießten Körpern übersäten Wand, einer Installation, die im englischen Guardian “Lepidopter-Landeplatz” genannt wurde, zurücklassen musste; oder die Labradorhündin, ungewöhnlich nur dadurch, dass sie der ursprüngliche Hund aus der Zeile „On the Internet, Nobody Knows You’re A Dog” war. Das Mädchen passt auf sie auf, oder vielleicht passen sie auf das Mädchen auf, klar ist es nicht: die Grenze eines großartigen, fantastischen Gehirns ist wie eine Membran zwischen zwei Welten. Sie schwingt und schwankt in der Brise des Geistes. Die Tiere sind Transponder, die Antwort auf Ihren Bedarf an Reizen. Nachts stiehlt das Mädchen ihre Häute und streift sie über, durchstreift Dschungel und Städte, veralbert die Götter und verdreht uralten Steinskulpturen die Köpfe. „Wir sind jetzt eine Familie,“ sagt sie zu Ihnen. „Kewl,“ sagt der Hund, der mit dem Schwanz wedelt, der den Schmetterling trifft, der auf dem rosaroten Rücken des melancholischen Elefantenbullen landet und niest.
[Das Bild für das dieses Geschichte ursprünglich geschrieben wurde][Englische Originalversion][Photo: Bette Davis als shamrock girl/Kleeblattmädchen]

An manchen Tagen, sagt M., drücke ihm das Alter förmlich die Kehle zu. Dabei lächelt er sein Lächeln aus, wie ich vermute zweiunddreißig künstlichen Zähnen. M. sieht jünger aus als er ist. L., seine Geliebte, sieht nicht jünger aus als sie ist, sie verhält sich nur so, wenn man M. glauben darf: beim Bumsen klettert sie an mir herum, als habe sie jahrzehntelang nichts anderes gemacht, sagt er, dabei sei sie erst zwanzig und er sei ihr erster Mann. Als ich fragend gucke, sagt er: doch, das stimmt schon, abgesehen vom Knutschen und Fingern mit ein paar Boys. Er habe ja Erfahrung für zwei oder drei Lebensalter, schon als Fünfundzwanzigjähriger habe er fünfundzwanzig Frauen gehabt nach seiner Zählung. Es sei natürlich immer eine Frage der Zählung: gerade als junger Mann möchte man eine Frau gleich zählen wenn man nur einmal den Schwanz in ihr drin hatte. Das sei jetzt ganz anders: Jetzt zählten Beziehungen. Ich frage ihn, was für ihn eine Beziehung sei. Ich darf das fragen, auch in dieser intimen Förmlichkeit, die eigentlich mein Markenzeichen als Coach ist: M. ist bei mir, weil sich seine Firma über ihn Sorgen macht. Ich mach mir keine Sorgen um M.: zwei oder drei mal muss ich schon mit ihr gefickt haben, sagt er. Eine Beziehung müsse auf etwas aufbauen können, nämlich auf einer grundlegenden Zufriedenheit der Körper miteinander. Als ich vorsichtig hinterfrage, ob er dem Körperlichen nicht zu viel Bedeutung beimesse, schüttelt er seinen schönen Kopf, wobei ihm die braunen Haupthaarlocken langsam, wie in einem Werbefilm, um die Ohren fliegen: seine Stimme wird rau, obwohl ich sie eher für mehlig halte, wie mir seine ganze Physiognomie eher schlaff und spannungslos vorkommt. Seine dunklen Augen vergrößern sich, er hebt die Rechte wie ein schlechter Schauspieler, der zum Deklamieren anhebt: der Körper ist alles, sagt er deshalb bin ich ja so durch den Wind, wenn das hier, die Rechte wandert rasch andeutungsweise über seine ganze Gestalt, den Bach runter geht, dann kann ich mich begraben. Egal, wie erfolgreich ich bin, dann will mich niemand mehr. M. läuft zu voller Form auf, wenn er von sich selber spricht. Erst wenn es um andere geht, besonders um Frauen, fehlen ihm die Worte. Und obwohl er denkt, dass er sich selber hochhält, sieht er in Wahrheit von so hoch oben auf sich herab, dass er sich gar nicht sehen kann in der Menge der einander verzweifelt umschlingenden, den Verfall fürchtenden Körper. Beim Abschied lege ich ihm wie immer leicht meine Hand auf die Schulter und spüre die Energie, die in ihm pulsiert, und die nur einen Ausweg kennt. Es wird schon, sage ich schwächlich. Am Abend desselben Tages ruft er mich an, es sei ein Notfall: L. habe sich umgebracht. Er verstehe das überhaupt nicht. Wie konnte sie ihm das an tun. Warum sei die junge Generation so selbstsüchtig. Glücklicherweise gebe es eine andere Frau, nur unwesentlich älter, die ihn jetzt trösten könne. Was wollen Sie denn von mir, sage ich. Sie sollen mir sagen, dass es nicht meine Schuld ist, sagt er. Da hänge ich auf. Zu viel ist zu viel.

Posted at 10:08am.

«Ich stelle mir vor: das Bibbern der neu Eingelieferten, wenn sie zum ersten Mal die Geräusche des Irrenhauses wahrnehmen, Geräusche, die ihre ganze Welt bedeuten, so dass wenn sie als Freigänger ein Kind weinen hören oder das Bellen eines Hundes, das reine Läuten eines Glöckchens oder auch nur das Rascheln eines Rocks über einem Frauenbein, sie dort Wahn vermuten und den Tönen absonderliche Bedeutungen unterschieben müssen. Sie können gar nicht anders, denn die Verrückten sind doch nicht so verrückt, dass sie nicht zur Lautmalerei gezwungen wären, bis auf die wenigen Tauben, in deren Phantasien die Töne aber völlig fehlen, das heisst dort wird gesprochen, aber die Beteilligten bewegen die Lippen ohne Laute, Dinge fallen ebenfalls zu Boden, aber still wie Federn oder wie alles auf atmosphärelosen Planeten zu fallen pflegt: stumm. Nur die gehörlosen Idioten können das Klappern der Kaffeetassen und der Kuchenlöffel auf dem Tisch ertragen, wenn Sie von ihren Familien fürs Wochenende abgeholt werden. Sie belächeln das übergeschnappte Brutzeln des Sonntagsbratens im Ofen. Wenn sie überwältigt werden, schließen sie einfach die Augen.» 

#89. [Englische Version: “Contraption”, veröffentlicht in “ An Aotearoa Affair, Carnival 4: “Flash Across Borders”][Image: Goya, loco tras las rejas, 1824 (via Wikimedia)]

Posted at 4:43pm.