Es ist durchaus typisch für mich, während der Komposition meiner Texte zwischen Deutsch und Englisch hin und her zu wechseln. Genauer gesagt ist dies nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Empfindung: Ich bin seit mehr als zehn Jahren hin und her gerissen, welche Sprache sich besser als Werkzeug eignet. Ich habe noch keine abschüssiges Urteil gefällt. Beide Sprachen sind mir gleich zugänglich, wenn ich auch zugeben muss dass mir das Deutsche als Muttersprache vermutlich vertrauter ist. Ich sage deshalb ‘vermutlich’, weil die Vertrautheit mit der Muttersprache eine andere Art von Vertrautheit ist als mit anderen Sprachen: sie zeichnet sich aus durch eine machtvolle Nähe zum Wort und zum Tonfall und zu den Assoziationen, die zu nahe gehen kann. Wie kann man dem Gegenstand und dem zu formenden Material zu nahe stehen? Es ist vielleicht wie beim Tanz: bestimmte Figuren müssen erfunden, erprobt, wiederholt und verbessert werden. Hierfür ist es nötig, immer wieder zurückzutreten. Und genau dieses Zurücktreten ist in der Muttersprache (wenigstens für mich) schwerer als im Englischen. Dass ich überhaupt in eine solche Zwangslage geraten bin, ist natürlich ein Privileg und ein Luxus, dessen ich mir auch durchaus bewusst bin. Unbekannt ist mir, ob andere sich in ähnlicher Lage befanden, obgleich sie auf einer anderen Ebene der Meisterschaft leben; ich spreche von Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Samuel Beckett usw. Hinzu kommen vermutlich eine große Zahl von Schriftstellern, die aus ehemaligen Kolonien stammen: V.S. Naipaul, Derek Walcott und andere, deren Werke und Schicksale mir aber viel weniger vertraut sind als die westlicher Schriftsteller. Von den möglichen Schwierigkeiten dieser Menschen, sich zwischen der einen oder anderen Sprache zu entscheiden ist mir leider nichts bekannt. Über die Vorteile der englischen Sprache habe ich mich an anderer Stelle ausführlicher geäußert. Mein Standpunkt hier war immer, dass mir die Fremdsprache größere spielerische Verfügbarkeit ermöglicht. Einige vorläufige Gedanken hierzu: die Herausforderung der deutschen Sprache als Medium des Schreibens der Schriftstellerei besteht auf verschiedenen Ebenen. Das Problem ist ein technisches: diese Ebene ist für alle Sprachen gleich. Die Größe der Herausforderung ist für jeden Muttersprachler ebenfalls gleich, wie allerdings man sich ihr nähern kann und welche Preise es zu gewinnen gibt für den Fall eines Sieges, das ist für jede Sprache anders. Warum? Weil jede Sprache eine andere Form und Größe von Literatur hervorgebracht hat.
Die Größe der deutschen Literatur besteht in der fast rührend anmutenden Hoffnung, dass diese Sprache zu etwas anderem geeignet sei als zur Erstellung undurchsichtiger philosophischer Traktate und zum Schreiben romantischer Gedichte (Ausnahmen der Vergangenheit, wie Heine, oder der jüngeren Gegenwart, wie Enzensberger, bestätigen die Regel). Sprachwitz, wie Ihnen das Französische kennt oder Ironie wie das Englische besitzt, ist dem Deutschen und seinem Idiom fremd und findet sich in unserer Literatur kaum, oder irre ich mich? (Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, wie beispielsweise Kurt Tucholsky, Christian Morgenstern oder wieder Heinrich Heine, der verstossene Ahne der lehrte, die Sprache als Waffe im ästhetisch-politischen Kampf zu gebrauchen). Wenn der Deutsche nicht gerade träumt, läuft er Gefahr für andere unerträglich zu werden. Wenn die technische Herausforderung der Sprache an die vorhandene Literatur gekoppelt ist, weil jeder der schreibt, so auch ich, sich über die Marschen des bereits Geschriebenen auf den Horizont des Ungeschriebenen zubewegt wie eine richtungsverwirrte Krabbe, dann ist sie auch an die historische Ebene gekoppelt. Auf dieser Ebene trifft sich der deutsche Geist mit dem deutschen Ungeist, der so viel bemerkenswert Furchtbares hervorgebracht hat, dass seit nunmehr fast 100 Jahren die Welt eigentlich nichts anderes mehr von den Deutschen erwartet. Ich zähle den deutschen Genius, der sich in der Konstruktion und Herstellung von Automobilen und im Organisationswesen ausdrückt, hier bewusst nicht, weil er literarisch von untergeordneter Bedeutung ist. Ja, er schadet der Literatur sogar, denn er ist nicht nur nicht auf Experimentierfreudigkeit bedacht, sondern er bekämpft sie überall. (Caveat lector: Nichts gegen die Innovationskraft und -freude windhundflinker deutscher Ingenieure, aber ihre Stärke ist nicht von derselben Beschaffenheit wie die des Künstlers, sie ist aus Stahl gefertigt und entspringt dem Siegfried, nicht dem singenden Orpheus oder der armlosen Milo, die sich des gemütskranken Dichters erbarmte…)
[See also: Linguistic Cross-dressing, English version, written after this text, with a different emphasis, namely the crossing between English and German as a writing language.] [Photo: der deutsche Dichter im französischen Exil, Heinrich Heine, in seiner “Matratzengruft”]


![King Cat Kincaid hält dich fest. Zeit tropft vom Ast. Kaffee schwappt auf dem Rücken des traurigen Elefanten. Von deiner verletzten Hand träufelt Blut in den Mutterozean. Das Jesus T Shirt besänftigt die Christen. Aus deiner Stirn springt die Schlange des Verstehens hervor. King Cat Kincaid will, dass du dir die Igelhaare schneidest, bevor du vor die Menge trittst, die dich als ihren König begrüßen werden. Du bewunderst, dass sie auf Korksohlen in luftiger Höhe das Gleichgewicht und ihre Selbstbeherrschung behält. Du bewunderst ihren Schnurrbart: wie außergewöhnlich sich die steifen, schwarzen Borsten in die ganze Gestalt fügen, so dass ihre Figur sogar an Weiblichkeit gewinnt. Aber hinter der Mauer des Schweigens wartet bereits der Thronräuber. Er steckt seine dicke Nase in deine schmutzige Wäsche. Sein Neid steigt in Schwaden zum Himmel auf und regnet gelblich zur Erde herab.
[Engl. Übersetzung]](http://24.media.tumblr.com/5241a6333aa2d0b597affedeeb78be6d/tumblr_mildtrR6zF1qbiqjio1_500.jpg)
![«Immer wenn ich mir vornehme, die wütenden, politischen Gedichte meines Vaters zu überarbeiten und zu veröffentlichen, überwältigt mich die Vielzahl von Bildern, die meine Erinnerung an seinen grauen, über die Schreibmaschine gebeugten Kopf begleiten, an sein Aufschauen wie ein Blinder, der das Innere einer ungeschauten oder vielleicht einer verlorenen Welt abtastet, in das Unbekannte vordringend wie Professor Challenger, niemals überrascht von dem was er findet und immer bereit, großzügig seine Schätze mit denen, die hören mögen, zu teilen. Er richtet sich auf, fuchtelt mit einem Stück Papier, sagt „Perlen vor die Säue“ in den Raum hinein, greift nach seiner verlesenen Ausgabe von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, kratzt sich, was ein merkwürdiges Geräusch verursacht weil er trotz seiner 70 Jahre enge Lederhosen trägt, und plumpst auf das Sofa. Er zieht sich das Buch über die Augen und beginnt zu schnarchen. Später wird er aufwachen, sich an den Takt erinnern, in denen seine Nasenflügel während seines Schläfchens flatterten, und dann wird er Stunden damit zubringen, diesen Rhythmus auf seinen Text zu übertragen, während er selbst wie ein Buch zu den Füßen einer der großen Buchsammlungen der Stadt zusammengeklappt liegt, wie eine in ein Buch verwandelte Fledermaus, wie der letzte Buchstabe einer Geheimsprache, die sich selber auswendig lernen muss, und so geht es in meinem Kopf immer weiter bis ein Freund mich vor meinen Reminiszenzen rettet und mich auf ein Bier in die Stadt mitnimmt.»
Der Anlass für diesen Text war meine Lektüre der fiktiven Biografie der letzten Tage des Schriftstellers H.G. Wells in “A Man Of Parts” von David Lodge. Nachdem ich das Buch weit gehend durchgepflügt hatte (bin immer noch nicht ganz zu Ende gekommen), griff ich zu meinem iPad-Stift und malte das Bild über eine Fotografie, die in Wells eigenem Buch “Experiment in Autobiography” von 1934 erschiene war. Das Bild ist jetzt mein permanenter Desktop-Hintergrund. Die zwei verschiedenen Augen im Bild verwickeln mich in meinen eigenen Traum während ich immer weiter diktiere…
[Englisches Original mit Audio-Aufnahme als mp3]](http://25.media.tumblr.com/91b2b47d9130f4eb96b0e789eac34dbd/tumblr_mfwmgqbm1g1qbiqjio1_500.jpg)

![KEWL
Das Mädchen sammelt Lebewesen von der Straße auf, die selbst für eine Abnormitäten-Schau sehr ausgefallen sind: der pinke Elefant, der nicht aufhören kann, von seiner Ehe mit einem Schweizer Kuckuck zu reden, die an der Regelmäßigkeit der Rufe des Federviehs und sexueller Frustration, Vogelschnabel gegen speckigen Säugetierschwanz, gescheitert war; der ungeheuer große, schwefelfarbige Falter, der dem Schlachthaus des Damien Hirst entkommen war und der auf immer deprimiert sein würde, weil er seine Freunde auf einer mit kleinen, aufgespießten Körpern übersäten Wand, einer Installation, die im englischen Guardian “Lepidopter-Landeplatz” genannt wurde, zurücklassen musste; oder die Labradorhündin, ungewöhnlich nur dadurch, dass sie der ursprüngliche Hund aus der Zeile „On the Internet, Nobody Knows You’re A Dog” war. Das Mädchen passt auf sie auf, oder vielleicht passen sie auf das Mädchen auf, klar ist es nicht: die Grenze eines großartigen, fantastischen Gehirns ist wie eine Membran zwischen zwei Welten. Sie schwingt und schwankt in der Brise des Geistes. Die Tiere sind Transponder, die Antwort auf Ihren Bedarf an Reizen. Nachts stiehlt das Mädchen ihre Häute und streift sie über, durchstreift Dschungel und Städte, veralbert die Götter und verdreht uralten Steinskulpturen die Köpfe. „Wir sind jetzt eine Familie,“ sagt sie zu Ihnen. „Kewl,“ sagt der Hund, der mit dem Schwanz wedelt, der den Schmetterling trifft, der auf dem rosaroten Rücken des melancholischen Elefantenbullen landet und niest.
[Das Bild für das dieses Geschichte ursprünglich geschrieben wurde][Englische Originalversion][Photo: Bette Davis als shamrock girl/Kleeblattmädchen]](http://25.media.tumblr.com/tumblr_mbr1b9S5s31qbiqjio1_500.jpg)


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